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Rezensionen 26. April

Jürgen Kuttner, Markwart Müller-Elmau, Felix Goesser, Marcel Kohler, Almut Zilcher und Jörg Pose, Foto Arno Declair

Berlin: Heiner Müller «Die Umsiedlerin»

Am 6., 14., 20. Mai 2019 im Deutschen Theater

Auf die Idee, «Die Umsiedlerin» zu spielen, muss man auch erst einmal verfallen, dieses Frühwerk Heiner Müllers über die Tage der Bodenreform nach ’45. Wenn Bauern in Blankversen die neue Zeit durchdebattieren: die kommunistischen Versprechungen gegen den Nachkriegsmangel, das Pathos des Aufbruchs gegen den ideologischen Ballast der Nazijahre. Und am Horizont zeichnet sich bereits die große sozialistische Kollektivierung ab, die Kolchose, die im Osten Deutschlands «Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft» hieß. Dieser Horizont und mithin die Brisanz der im Stück verhandelten Fragen verblassten ungewöhnlich schnell. Bei der ersten großen Volksbühnen-Aufführung 1975, vierzehn Jahre nach Entstehung des Stücks, sei das Ganze «für die Leute schon eine sehr ferne Geschichte» gewesen, diagnostizierte Heiner Müller in seiner Autobiographie «Krieg ohne Schlacht» (1992). Um wie viel mehr sollte das in unseren Tagen gelten, da man das Spiegelteleskop auspacken muss, um noch einen Schweif versunkenen Lebens darin auszumachen.

Andererseits umwölkt «Die Umsiedlerin» ein geradezu sagenhafter Nimbus. Nach der studentischen Uraufführung 1961 unter B.K. Tragelehn wurde der robuste Realismus des Dramas von den SED-Genossen als «konterrevolutionär, antikommunistisch, antihumanistisch» gebrandmarkt. Müller flog aus dem DDR-Schriftstellerverband und bekam langes Aufführungsverbot, Tragelehn wurde in den Klettwitzer Braunkohlebau strafversetzt. Und «Die Umsiedlerin» wanderte bis 1975 in den Giftschrank. Als Träger dieser Geschichte, als historisches Artefakt einer Zeit, in der Kunst sich gegen rigoroseste Repressalien behaupten musste, hat Müllers Stück unvergängliches Gewicht. Aber lässt es sich in die Waagschale werfen?

Wer, wenn nicht Jürgen Kuttner und Tom Kühnel könnten Antwort auf diese Frage geben. Als Regie-Duo haben sich die beiden den Ruf der ersten Archäologen erworben was Fundstücke aus der sozialistischen Vergangenheit anbelangt. Heiner Müllers «Der Aufbau», 2015 am Schauspiel Hannover als dunkelfunkelndes Grand Guignol aufgeführt, war ihre bis dato fetteste Ausgrabung. Auch weil ihnen der seltene Spagat gelang, Müllers schwere Poesie in jeder Silbe ernst zu nehmen, ohne dabei spielerische Leichtigkeit einzubüßen. «Die Umsiedlerin» gehen sie in den Kammerspielen des Deutschen Theaters durchaus ähnlich an. Wieder als bunte, aber wohltuend unironische Revue, wieder passagenweise mit Heiner Müller-O-Tönen, wenn auch in geringer Dosis und nicht als Playback. Ganz so eindrucksvoll wie seinerzeit gelingt der Mix nicht. Aber immer noch gut genug.

Als Stück für sich bietet «Die Umsiedlerin» weniger Widerstand für den betont leichten, mitunter hemdsärmeligen Stil von Kühnel/Kuttner. Müllers Bauernkomödie ist klar auf Punchlines berechnet. Manfred Krug habe als Zuschauer in der besagten studentischen Skandalaufführung schallend gelacht, wird berichtet. «Der beste Staat / ist machtlos auf die Länge, wenn das Volk / sich aufhängt hinter seinem Rücken», mit solchen Einsichten stemmt sich der Parteisekretär Flint, gegen die Versuchung, schon vor der Republikgründung die Flinte (!) ins Korn zu werfen. Und natürlich wäre es ein Leichtes, das Potenzial an Charge, das in dieser Figur steckt, weidlich auszukosten. Macht Jörg Pose aber nicht, führt ihn stattdessen als gebückten Idealisten mit klapperigem Fahrrad vor, dem die Losungen schon an den Lippen trocknen. Es glimmt noch die Widerstandsgeschichte in diesem Flint, eine Utopie kaum mehr.

Die Funktionäre wie der stets um seine eigene Hautrettung bedachte Bürgermeister (Felix Goeser) sind sorgsam ausbalanciert, der junge FDJ-ler Siegfried (Marcel Kohler) mit seiner Turteltaube Schmulka (Linda Pöppel) clownesk, ohne dass sie dem Verlachen preisgegeben würden. Und das alles in einem Setting, das den Historismus nicht scheut: Rote Fahnen werden geschwenkt, Bierhumpen gestemmt auf einer schwarz-weißen Popartbühne (von Jo Schramm), die ein bisschen nach überdimensioniertem Induktionsherd ausschaut. Ohne dass auf zu großer Flamme gekocht würde.

Kühnel/Kuttner nähern sich dem Stück sehr vorsichtig, probieren vieles aus, lassen auch viele Enden liegen. Ein Prolog will auf den Weg zum Posthumanismus, ins Zeitalter der Mensch-Maschine deuten, ohne dass man recht erführe, wie sich das mit dem Stoff verknüpft. Almut Zilcher hat zwei intensive, eiserne Intermezzi mit Müllers großer Selbstreflexion «Mommsens Block». Es ist der eindringliche Blick auf die Nachwendezeit, da Müller mit dem Ende der DDR «sein Stoff» abhandengekommen war: ein plausibler Kommentar auch auf Kühnel/Kuttners Unternehmung, den versunken Schatz zu bergen. Einmal darf Rainer Werner Fassbinder per Video-Einspieler dem Ost-Dichterkollegen quasi beispringen, wenn er sich im Westfernsehen für ähnlich despektierliche Schilderungen der Arbeiterschaft rechtfertigen muss. Alles schön, aber doch sehr punktuell.

Wenn der Abend besticht, dann dort, wo Spieler eine Brüchigkeit und Schroffheit einspeisen, die diese so versiegelt anmutende «Umsiedlerin» aufrauen. Frank Büttner etwa als Trunkenbold und Anarchist Fondrak mit kurzen Hosen unter dem Berserker-Fellmantel: «Ich bin für Arbeitsteilung, ich besorg den Absatz», lässt er wissen, wenn er nach dem nächsten Bierkrug giert. Sätze wie in den Boden gerammt. Besser wird Müllers unvergleichlicher Ton selten getroffen. Oder eben Almut Zilcher, mit rauer Kehle und weltenschwerem Witz. Müller, das merkt man an diesem Abend, liefert ja schon in seinen frühen Werken gar nicht so sehr Drama, Konflikt oder Handlungsfortschritt. Müller ist Poesie, ein Hörgenuss. Wenn man ihn denn kriegt wie hier.

Das Finale gehört Linda Pöppel als Umsiedlerin Frau Niet. Lange Zeit war sie wie eine Hohepriesterin am griechischen Altar herumgeschwebt im weißen Kleid, umringt von Gefährtinnen in Weiß, alle mit Amphoren in der Hand: seltsame Reinheitssymbolik. Süßliche Klänge umwehen sie, wo sonst knackiger Ostrock Marke «Nach der Schlacht» von der Renft Combo den Ton vorgibt. Am Ende aber streift Pöppels Niet die Kleider ab, steht in weißen Hosen da. Den Rüpel Fondrak lässt sie ziehen; einen schüchternen Biederbauern (Bernd Stempel), der ihr Habe und Hand anträgt, ebenso. Diese Frau will auf eigene Faust ihr Gut bestellen.

Sie steht da, so federnd in der Anmutung, so steinern im Entschluss. Alles perlt an ihr ab. Und Pöppel spricht einen der bittersten Texte, den das Drama bereithält: die Erzählung von der Ermordung eines sowjetischen Bauern durch Wehrmachtssoldaten, von denen einer jetzt Traktorist ist (auf sowjetischen Traktoren). Man habe dem «Bolschewiken» zugestanden, «auf seinem eigenen Feld» sein Grab zu schippen. «Wir fragen, wo sein Feld ist. Sagt der Alte: / Hier alles mein Feld.» Und für Momente scheint in Pöppels Worten alles auf, was dieses Stück zu bieten hat, die blutige Vergangenheit, die nur blutige Utopie gebärt. Der Wille zur Emanzipation aus dem Gewaltzusammenhang. Das Hoffen auf Aufbruch und Ausbruch, aus der Umklammerung der Erinnyen. Und die Kraft der Worte, die ins Getriebe der Welt fielen.

Christian Rakow

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