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Rezension 26. April

Kassel: Wagner «Die Walküre»

Am 28. April im Opernhaus

Verkaufte Bräute, wohin das Auge schaut in Wagners Musikdramen. Eva, Elisabeth, Senta, Elsa, sie alle sind (vom Schicksal?) dazu auserkoren, meistbietend an (gerne fremde) Männer verschachert zu werden. Besonders schlimm trifft es Sieglinde, die Mutter des ersten freien Helden. Noch bevor sie überhaupt weiß, was Freiheit bedeuten könnte, wird sie dieser Freiheit auf brutalstmögliche Weise beraubt.

Markus Dietz zeigt dies in seiner fesselnden (von Christian Franzen herausragend ausgeleuchteten) Kasseler «Walküre»-Inszenierung mit schonungsloser Präzision und, was ungemein bestechend ist, in jedem Takt analog zu Wagners Klängen. Während des blitzdurchsetzten Unwetters, welches die d-Moll-Ouvertüre entfacht, wird eine junge Frau, beinahe noch Mädchen, von einer wilden Männerschar durch die Dunkelheit gejagt, gestellt, mit Fäusten traktiert, schließlich wie ein erlegtes Tier abtransportiert. Jeder Akzent im Graben ist auch auf der Bühne ein Nadelstich, ein Stich ins Herz. Die Frau als Beute. Gedemütigt, geschlagen, geschändet.

Wenn die Musik sich danach auf ein A-Dur-Feld rettet, ins vermeintliche Licht, ist die Atmosphäre bereits vergiftet. Entsprechend atemlos-unglücklich wirkt Nadja Stefanoffs Sieglinde. Wie ein Rilke’scher Panther streift sie im silbernen Abendkleid durch Hundings Hütte, die hier ein kühl-mondäner Reiche-Leute-Käfig ist, ausgestattet nur mit einem länglichen Tisch samt Stuhl und Getränkeboards an beiden Seiten (Bühne: Mayke Hegger). Definitiv kein Ort, wo Liebe sich entfalten könnte.

Dass sie es dennoch tut, gegen die finsteren Mächte, das steht so im Stück. Der Regisseur hat es sehr genau gelesen. Und zeigt deswegen auch Siegmund als einen Menschen, der nichts als das Böse kennengelernt hat und durch die Welt hastet wie von Furien getrieben – nur dass diese Furien eben Menschen sind: Hunding samt seiner Schlägertruppe. Siegmunds Outfit entspricht dem: ein blutdurchtränktes T-Shirt, eine verschmutzte Hose (Kostüme: Henrike Bromber). Damit nicht genug. Auf dem Boden im Salon liegt die Leiche der erschlagenen Mutter. Es wundert wenig, dass Martin Iliev einen ganzen Akt braucht, um sich die Qualen von der Seele zu singen, bis er bereit ist für die Liebesvereinigung auf der G-Dur-Lichtung.

Und das ist nicht nur szenisch eine Wonne. Francesco Angelico dirigiert einen unendlich fließenden, rhetorisch bezwingenden und sanften Wagner; die Tatsache, dass er dies mit signifikant reduzierter Besetzung tun muss, gereicht ihm sogar zum Vorteil – lediglich der Feuerzauber könnte vulkanischer sein. Die Deklamation kommt zu ihrem Recht, die ohnehin ausgezeichneten Sänger dürfen sich fühlen, als lägen sie in einem klanglichen Federbett. Herausragend vor allem die Frauen: Nancy Weißbach als kristalline, exzellent artikulierende Brünnhilde (wann verstand man je zuvor so viel Text?), Nadja Stefanoff als luzid-sehnsüchtige Sieglinde, Ulrike Schneider als herrisch-maliziöse Fricka. Ja, und selbst die acht verführerischen, wollüstig mordenden Walküren dringen angesichts der wunderbaren orchestralen Transparenz kernig durch.

Der musikalischen Utopie diametral entgegen steht das Drastisch-Düstere der Realität. Schon zu Beginn des zweiten Aufzugs liegt die Welt in Trümmern. Hundings Heim ist verkohlt, von den Wälsungen in Brand gesetzt. Schwarzer Stahl allüberall, das riesige Walhall-«W», welches wir aus «Rheingold» kennen, mehr und mehr verblasst. Mittendrin Wotan, Knecht jener Verträge, die ihn zum Herrn machten, gefangen in der Rückschau, die in Schwarz-Weiß-Bildern gedankensplitterhaft hinter ihm abläuft (Video: David Worm). Wenn der stimmlich über alles Erhabene Egils Silins den Vers «Der Traurigste bin ich von allen!» singt, charakterisiert er ziemlich genau seine Verfasstheit. Alles Göttliche ist von ihm gewichen, der Disput mit der Gattin gerät zur Gerichtsverhandlung, mit ihm als Angeklagten. Sogar die offenkundige Bigotterie Frickas, die nach getanem Eid mal eben mit ihrem (Motorrad-)Fahrer zum Liebesspiel entschwindet, muss er stillschweigend hinnehmen.

Exakt darin liegt die Kernaussage dieses narrativ eng gewebten, bildmächtigen Abends: Es sind die Beziehungen zwischen den Menschen, die das politische Desaster abbilden. Selbst die Vaterliebe bröckelt vor dieser Erkenntnis. Zu schwach ist Wotan an jenem Ende, welches er zuvor erflehte, um Brünnhilde selbst mit Feuer zu umgeben. Es sind die Walküren, die ein güldenes Tuch bringen, die störrische Schwester damit umgarnen und sie zu Boden betten. Nur zu gerne wüsste man, was jene schleifengeschmückte Schachtel enthält, die Grimgerde neben Brünnhildes Kopf legt. Grund genug, den «Siegfried» im September anzuschauen.   

Jürgen Otten

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