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Rezensionen 10. Mai

Auf Tour: Reut Shemesh «Atara»

Am 12. Mai in Krefeld, Fabrik Heeder, am 14., 15. Mai in Düsseldorf, tanzhaus nrw

Die dunklen Röcke reichen bis übers Knie, die Hemden bedecken Schlüsselbein und Ellbogen, die Haare sind unter einer Perücke versteckt. Die beiden Tänzerinnen Hella Immler und Tzipi Nir fügen sich in die Konvention. Sie sind von Kostümbilderin Marie Siekmann gekleidet wie orthodoxe jüdische Frauen, deren Bräuche ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Sie – und später der ebenfalls in Rock, Hemdbluse und Perücke auftretende Florian Patschovsky – bewegen sich im jüngsten Stück von Reut Shemesh – «Atara», uraufgeführt bei «Tanzhochdrei» in Hamburg – fast durchweg im Gleichklang, ohne Berührungen. Präziser chassidischer Volkstanz, mal miteinander, mal nebeneinander getanzt, rhythmisch, klatschend, hin und wieder stampfend. Im steten Wechsel zwischen folkloristischer Wucht und leichtem, sittsam-mädchenhaftem Hüpfen bewegen sie sich durch den leeren Raum. Synchron, fast puppenhaft verbinden sie beengende Mechanik mit routinierter Leichtigkeit. Trotz  – oder gerade wegen – all dieser Präzision wirken die drei wie gefangen in ihren Körpern und Ritualen. 

«Atara – For you, who has not yet found the one» hat die israelische Choreografin ihr Stück genannt. Sie erzählt vom Alltag, von Regeln, Ritualen und den Repressionen, die chassidisch- orthodoxe Jüdinnen erleben. Etwa arrangierte Ehen mit dem Ziel vieler Kinder – Bräuche wie ein Panzer gegen die Verlockungen der säkularen Welt. Die US-Amerikanerin Deborah Feldman hat solches Eingesperrtsein erfahren, sie floh mit 23 aus dieser Parallelwelt und schrieb mit «Unorthodox» ein autobiografisches Buch, einen Bestseller.

Bei Reut Shemesh steht der hebräische Name Atara für das Leben dieser Frauen. «We don’t have sexual desires», heißt es einmal aus dem Off, «we have decent thoughts» und «we are no feminists». Natürlich spielt Shemesh mit Vorurteilen und platziert Provokationen, die aber nie allzu weit entfernt sind von der gelebten Realität dieser religiösen Bewegung. Aus eigener Anschauung, angereichert mit zahlreichen Interviews, nähert sich Shemesh einem Tanz, der nur auf Hochzeiten und anderen Festen getanzt wird. Nach festgelegten Regeln. 

Shemesh bildet dieses Regelwerk auf der Bühne ab. Beim (Formations-)Tanz ist man sich nah und umarmt sich, ohne einander anzufassen. Die Bewegungen erzählen von Sehnsüchten und Leidenschaften, zugleich von großer Selbstbeherrschung. Die Tanzenden umkreisen einander zu immer schnelleren Beats (Komposition und Sounddesign: Simon Bauer), doch die Tradition bremst sie aus, sie scheint in ihren Körpern festzustecken. Jeder Schritt folgt einer Vorschrift. Es bleibt nur ein stummer Schrei, nur ein vergeblicher Flügelschlag der Arme. Shemesh erzählt von Gefangenschaft, aber auch von Gemeinschaft und Verabredung. Ein Urteil fällt sie nicht. Hier entsteht der Schrecken aus der Schönheit. Der Schönheit des Rituals.

Katrin Ullmann

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