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Rezensionen 10. Mai

Wien: Büchner «Woyzeck»

Am 16., 30. Mai, 2. Juni im Akademietheater

Von wegen geschundene Kreatur und expressiver Leidensmann. Steven Scharf ist als Woyzeck nicht nur ein Baum von einem Mann, er hat auch so gar nichts Unterwürfiges. In den ersten 20 Minuten zerlegt er mit beeindruckender körperlicher Präsenz erst einmal in aller Ruhe die Bühne. Er reißt das rot-weiß-gestreifte Zelt herunter, das aus dem Wiener Akademietheater eine ärmliche Zirkusarena (Stéphane Laimé) macht – und freut sich diebisch an dem fiesen Geräusch der Klettverschlüsse, bevor die Planen lautstark zu Boden krachen. Dann nimmt er sich die Stahlträger und Gitterstäbe vor, die durch die Luft wirbeln. Keine Frage: Es brodelt in dem Mann. Geschmeidig wie ein Raubtier streift er über die Bühne, mit großen melancholischen Augen blickt er um sich – und in sich. Als würde er ständig selbst staunen, was ihm da alles zustößt.

Bereits zum dritten Mal hat sich Johan Simons Büchners «Woyzeck»-Fragment vorgenommen, um es ordentlich gegen den Strich zu bürsten. Er vergleicht das Stück im Burgtheater-Magazin mit der Musik von Bach, die sich zwischen Himmel und Erde aufbäume: «Es ist ein Stück des Scheiterns. Nicht nur bei Woyzeck, sondern auch bei all den Leuten, die um ihn herumsitzen. Für mich geht es im Theater immer ums Scheitern.»

Alle Schauspieler sind permanent anwesend. Eine triste Zuschauerrampe aus Holz dient den Akteuren als Sitzgelegenheit. Es wirkt, als wäre der Zirkus bereits ins nächste Dorf weitergezogen mit all seinen Dressurakten, die zuvor aus historischen Filmen auf die Zeltplanen projiziert wurden: den geschmückten Pferden und tanzenden Affen, den wagemutigen Seiltänzerinnen. Geblieben sind nur die Freaks. Simons verzichtet auf grelle Schminke und Zirkusmusik, aber man versteht auch so, dass es Typen sind, die hier ihre letzte traurige Show abziehen. Der schneidige Tambourmajor ist ein lächerlicher Kraftmensch, der sein Trikothöschen über den Bauchnabel gezogen hat und in Ballerinas herumtänzelt (Guy Clemens), Woyzecks Frau Marie (Anna Drexler) ein Dummer August, der Doktor (Falk Rockstroh) ein Pierrot, der Hauptmann (Daniel Jesch) ein biegsamer Mann ohne Knochen. Simons setzt auf größtmögliche Künstlichkeit, der fragmentarische Text wird weiter fragmentiert (Fassung Johan Simons und Koen Tachelet). Die gesprochenen Satzfetzen erzeugen eine unheimliche Entfremdungsstimmung. Ein dumpfer Ton gibt die Atmosphäre vor (Musik Warre Simons). Dieser Endzeitzirkus zeigt den dressierten Menschen, der mit seinem Schicksal hadert – und es doch nicht ändern kann.

Jeder beobachtet jeden, insofern wirkt Scharfs Woyzeck auch viel reflektierter, weniger getrieben und ausgeliefert als sonst. Als hätte er – zumindest in manchen Szenen – die Fäden in der Hand. Mitunter entsteht der Eindruck, als würde er bloß jene Rollen spielen, die seine Umwelt gerne von ihm sehen möchten: vom introvertierten Clown über den Zirkusdirektor bis zur nackten, geschundenen Kreatur, die wild im Kreis läuft und sich über den roten Boden wälzt. Er sucht Anschluss, aber findet ihn nirgends. Es könnte aber auch sein, dass «Woyzeck» gerade in einer psychiatrischen Klinik geprobt wird. Ist Woyzeck womöglich der einzig Normale in einer verrückten Welt? Oder findet das alles ohnehin nur in seinem Kopf statt? Simons lässt gerade zu Beginn viele Fragen offen in dem 100-minütigen Abend, der sich zunehmend verdüstert. Aus Typen werden Figuren, die in ihre Verzweiflung hineinwachsen. Dadurch verliert die Inszenierung aber gerade in den Nebenrollen, die in eher traditionelles Schauspiel kippen, auch an Kraft und Aberwitz.

Das energetische Zentrum ist ohnehin Scharf, der seinem Woyzeck erstaunliche Würde verleiht. Er ist ein autistischer Melancholiker, ein großes unbeholfenes Kind, dem sein Leben zwischen den Händen zerrinnt, wenn er es fassen möchte. Auch der finale Mord an Marie hat nichts Blutrünstiges, gleicht einem Kinderspiel. Mit einem viel zu kleinen Messer sticht er auf sie ein. Blut fließt keines. Anna Drexlers Marie bekommt mehr Raum, als dieser Figur meist zugestanden wird. Drexler, Ensemblemitglied am Schauspielhaus Bochum, mit dem dieser «Woyzeck» koproduziert wurde, irrlichtert durch die Inszenierung mit überdrehter Lebenslust, die nie in sexuelle Weiblichkeitsklischees abdriftet. Sie ist abgründig wie Woyzeck, von schräger Rätselhaftigkeit. Sie wechselt ständig ihre Aggregatzustände, mal quiekt sie vor Freude, dann ist sie bedrückend still. Ihr gemeinsames Kind ist eine Drahtpuppe: Also auch nur ein Spielzeug für Eltern, die selber noch Kinder sind. Gut möglich, dass Simons «Woyzeck» im Laufe seiner Karriere noch einmal inszenieren wird. Aber es wird schwierig werden, das zu toppen: Schöner scheitern, geht kaum.

Karin Cerny

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