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Rezensionen 17. Mai

München: Tschechow «Drei Schwestern»

Am 22. Mai, 1., 26. Juni 2019 in den Kammerspielen

In einem Fotointerview nach ihrer Idealvorstellung vom Gesicht eines Theaterzuschauers gefragt, antwortete Susanne Kennedy kürzlich mit geschlossenen Augen und einem Ausdruck entrückt-entzückter Trance. Überraschend, aber auch wieder bezeichnend, arbeitet Kennedy in letzter Zeit doch irgendwie zweigleisig: an hochartifiziell konstruierten multimedialen Bildwelten mit Voiceover und Ganzkopfmasken für die Darsteller sowie daran anschließend an Erfahrungsräumen, die schon mal – eher ungewohnt fürs rational-aufgeklärte Theaterkunstklientel – schamanisch-spirituelle Kontexte mit anspielen.

Wenn dieser Spagat in der immersiven Installation «Coming Society» an der Berliner Volksbühne die meisten Besucher wohl nicht ganz überzeugen konnte, so gelang ihr jetzt an den Münchner Kammerspielen mit der motivischen Ankoppelung an Tschechows kanonisches Fernwehdrama «Drei Schwestern» ein fulminanter Brückenschlag. In einer durchaus traditionellen Bühne-Zuschauer-Konstellation zwischen hippen Virtual-Reality-Settings, Tableaux vivants mit comic-haften Szenensprüngen und suggestiven Déjà-vus stellen sich philosophisch-theaterhistorische Fragen. Es geht sowohl um die Zukunftsvisionen des letzten und vorletzten Jahrhunderts als auch ganz grundsätzlich um die Bedeutung von Spiel und Wiederholung in der Kunst.

Die Bühne (Lena Newton) ist eine Scheibe, oder besser gesagt ein Bildschirm. Er füllt das ganze Portal, in dessen Mitte ein rechteckiger Rahmen schwebt und einen zweiten Screen von einigen Metern Diagonale ausschneidet, der mal das äußere Bild fortsetzt, mal eigene virtuelle Räume präsentiert und sich gelegentlich auch noch als kleiner Guckkasten zurück in die dritte Dimension öffnen lässt, wie das mal, lang scheint es her, im Theater üblich war. Aber davon später noch. Beim Einlass wabern zunächst rotglühende computeranimierte Wolken wie in Cinemascope über die gesamte Bühnenbreite, vielleicht der auf Katastrophenformat aufgeblasene Schein der Feuersbrunst, die bei Tschechow im dritten Akt die kleine Garnisonsstadt heimsucht, in der die «Drei Schwestern» sich so beharrlich «Nach Moskau!» sehnen. Vielleicht aber auch nur eine Art apokalyptischer Screensaver. Dazu animalisch-gequältes Stöhnen wie aus dem Purgatorium. Nach einem von Dolby-Surround-Dröhnen effektvoll begleiteten Blackout stehen plötzlich drei realkörperliche Figurinen mit weißen Kopftüchern, Reifröcken und schwarz verhüllten Gesichtern im grell erleuchteten Guckkasten, eine Vision der drei Schwestern, die leichthändig Assoziationen an mythische Dreigestirne wie Nornen oder Parzen aufruft. «Something happend to me yesterday / Something I can’t speak of right away», murmelt eine tief tönende Stimme einen Song aus der Urzeit der Rolling Stones, und nach einem weiteren Black klingelt ein Wandtelefon im Guckkasten. Dran ist Werschinin oder vielmehr ein mechanischer Ansageroboter (Sounddesign und Voice-Montage: Richard Janssen), der dessen berühmte Prophezeiung verkündet: «In zwei-, dreihundert Jahren wird das Leben auf der Erde unvorstellbar schön sein … wundervoll.»

In Kennedys Zeitschleifen kann man sich natürlich nicht sicher sein, ob wir uns nicht schon längst hinter dieser glücklichen Zukunft befinden beziehungsweise überhaupt ganz außerhalb altmodisch-linearer Zeitkonzepte. Denn jetzt nimmt das von Rodrik Bierstecker virtuos programmierte Bilderkarussell erst so richtig Fahrt auf. Mal bewegt sich die Bodenstruktur, so dass der Guckkasten mit seinen Insassen zeitlupenhaft oder rasend schnell in unendliche Weiten zu fliegen scheint. Aus einer virtuellen Wand beult sich ein seltsames blaues 3D-Gesicht, das auch eine Mondlandschaft sein könnte. Und dann sitzen da plötzlich sechs Akteure mit Latexglatzen, Jeans und bunten Rollkragenshirts (Kostüme: Teresa Vergho) wie lebende Schaufensterpuppen am Tisch und unterhalten sich mit zugespielten Fremdstimmen über das Wetter, machen Selfies mit dem Tablet und benehmen sich wie aus einem Werbespot für spießige Sportswear gefallen.

Merkwürdigerweise bleiben die Spieler Marie Groothof, Walter Hess, Eva Löbau, Christian Löber, Benjamin Radjaipour und Anna Maria Sturm, auch wenn man ihre Gesichter nicht sieht, sehr individuell kenntlich in ihren nuancenreichen Reaktionen auf die eingespielten Texte. Wenn so ein Puppenmensch mit zuckenden Gliedern dann ernsthaft zu sagen scheint: «Nur für die Liebe hat Gott uns geschaffen», um anschließend Nietzsches «Fröhliche Wissenschaft» zu zitieren, «die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!», dann ist das von einer ergreifenden, abgrundtief menschlichen Komik und gleichzeitig von so unberechenbar exaltierter Künstlichkeit, dass man dieser ewigen Wiederkunft gerne noch weiter beiwohnen möchte.

Die gibt es dann an diesem mit 80 Minuten nicht überlangen Abend in surrealen Loops zu bestaunen, zu denen Tschechows Drama neben ein paar Szenenbausteinen auch noch die Kernfragen beisteuern darf, etwa «was, wenn man sein Leben noch einmal anfangen könnte, und zwar bewusst? Wenn das eine Leben, das schon gelebte, sozusagen ins Unreine gelebt wäre und das Neue ins Reine!» Mal verschwimmen Figuren dann zu grobgerasterten Pixelwesen, die durch virtuelle Wände schweben können, dann wieder sitzen da drei ältere Frauen unmaskiert mit schön gefältelten Gesichtern am Tisch wie Relikte aus einer längst ausgemusterten physischen Wirklichkeit und lassen sich laut knackend einen analogen Apfel schmecken.

Eine der Reifrockschwestern dreht sich mitunter wie ein Derwisch um die eigene Achse, einmal taucht im Dämmerlicht aus archaischer Tiefe ein gehörntes Maskentier auf, dem ein anderes kniend huldigt, oder ein Mann mit drei Gesichtern sitzt beiläufig am Tisch, nachdem zuvor zwei Frauen eine Szene lang banalen Büro-Smalltalk aus einer Telenovela heruntergeplappert haben. Das Wort «reality» huscht dazu rückwärts über den Rahmen, später wird es «the end is never the end» heißen, und die Stimme aus dem Off konstatiert, um es nochmal überdeutlich zu machen, «past, present and future are mixed into a confusing simultaneity».

Wo zu viel explizite Lebensweisheit ins Spiel kommt, verliert der Abend gegen Ende manchmal seinen speziellen Rhythmus und die konsequent frappierende Bilderlogik aus dem Blick. Schade, weil es in dieser aufregenden Auslotung fast aller theatraler Dimensionen, in diesem Switchen zwischen 2- und 3D und den minutiösen Verschiebungen in der Präsenz der Körper noch so viel zu entdecken gibt. Tun und nicht sagen, wäre da zum Schluss manchmal noch mehr gewesen. Aber trotzdem: Gerade in der Reibung mit dem traditionellen Rahmen findet Kennedy hier wieder zu ihrer originären Kraft, Wahrnehmung in Komponenten zu zerlegen und neu zusammenzufügen, psychologische Konditionierungen beherzt über Bord zu werfen und das Theater zur Erzeugung singulär gesteigerter Erfahrung zu benutzen, so reich und verrückt, beunruhigend und fantastisch, tröstlich und komisch, dass man sich immer wieder und weiter – und, ja, mit weit geöffneten Augen – darin verirren möchte.

Silvia Stammen

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