Inhalt

Filme und Serien #3

«Isle of Dogs – Ataris Reise»

«Isle of Dogs – Ataris Reise»

Mit Wes Anderson habe ich mich anfangs ziemlich schwer getan, ich hielt seine frühen Filme für skurrile Fingerübungen eines erkennbar begabten, etwas infantilen Narzissten. Aber Freunde insistierten, dass ich mich wieder einmal geirrt hätte, und als ich dann, seufzend, zum dritten Mal «The Royal Tenenbaums» ansah, kam mir der Verdacht, sie könnten Recht haben.

Mit «Darjeeling Limited» und dem Animationsfilm «Der fantastische Mr. Fox» war die Bekehrung dann vollzogen, ich verwandelte mich vom Saulus zum Paulus und stehe nun nicht an, Wes Anderson (er, der ewige Jüngling, wird nächstes Jahr fünfzig) für einen begnadeten, gebenedeiten Regisseur zu halten, der zu den zehn besten der Welt gehört, und als Beleg dafür nenne ich «Moonrise Kingdom» und «Isle of Dogs» (2018, Regie, Drehbuch, Produktion Wes Anderson).

Das ist sein zweiter Animationsfilm, und er ist noch eindrucksvoller, noch wundersamer als «Fantastic Mr. Fox». Auch noch finsterer. Denn es geht in dieser Geschichte, die in der nahen Zukunft in einem völlig ausgedachten, aber täuschend ähnlichen Japan spielt, um nichts weniger als die Ausrottung einer ganzen Spezies, der Hunde nämlich, es geht, sozusagen, um das Thema Völkermord.

Der mächtige Bürgermeister von Megasaki City will nun endlich ALLE Hunde loswerden und nach Trash Island deportieren – weil er einem uralten katzenliebenden und deshalb hundehassenden Clan angehört, wie man munkelt? Egal – Kobayashi gibt in seinem Wahlkampf natürlich vernünftige, nachvollziehbare Gründe an: Hunde sind Seuchenüberträger («Schnauzenfieber»), sie sind bissig, gefährlich, schmutzig, UND ÜBERHAUPT! Auf der abgelegenen Müllinsel, so das Kalkül, werden sie dann an der Krankheit verrecken oder schlicht verhungern. Da johlt der Mob begeistert, und ein Wissenschaftler, der widerspricht und die Seuche für heilbar hält, wird niedergebrüllt (später dann, als er das Serum entwickelt hat, von Kobayashis Schergen ermordet).

Wenn Sie, lieber Leser, vielliebe Leserin, nun an Trump und seine tobenden Fans denken, an deren Verachtung der Wissenschaft (Klimawandel ist Schwindel), tun Sie das ganz zu Recht. Und hier zeigt sich zum ersten Mal, dass das japanische Setting des Films ein Glücksgriff war, denn es erlaubt, die aktuelle amerikanische Situation zu thematisieren, en passant und ohne in kabarettistische Simplizität und Durchblickerei zu verfallen; wir sehen im Auge des Fremden den eigenen Balken, früher hätte man gesagt: Die japanische Verfremdung verzerrt die amerikanischen Verhältnisse zur Kenntlichkeit.

Aber nicht nur politisch, auch ästhetisch zahlt es sich aus, dass der Film sich von der japanischen Kultur inspirieren lässt, von den Holzschnitten Hokusais und Utagawa Hiroshiges, den Filmen Kurosawas und Miyazakis, Animes und Samuraiserien. Wes Anderson hat sie aufmerksam studiert und kann sie nun so genau zitieren und kopieren, dass die Nachahmung das Original fast übertrifft, und das reizt sehr stark zum Lachen. Was ihm einige Kritiker als kulturalistische Übergriffigkeit und politische Feigheit (vor den Trump-USA) vorgehalten haben, ist tatsächlich ein raffinierter Kunstgriff und eine Hommage an Japan.

Der Plot ist zu weiten Teilen absehbar, wie es die Regel auch bei anspruchsvollen Animationsfilmen ist: Ein kleiner Junge, um seinen Hund zu retten, gelangt auf die Müllinsel, stößt auf eine Hundegang, die ihm letztendlich hilft, die Schergen des bösen Bürgermeisters zu bekämpfen und diesen zu Fall zu bringen. Dabei unterstützen sie andere Kinder, jugendliche Hacker, eine amerikanische Austauschschülerin mit weißer Afro-Krause (da hatten die Oberkorrekten zu bemängeln, dass diese Rolle doch eigentlich keine Ausländerin, sondern eine Einheimische, eine Bio-Japanerin sozusagen, hätte spielen sollen; andererseits sei es immerhin ein Mädchen und kein Junge …).

Aber das ist alles Nebensache. Hauptsache ist die Schönheit, die Sorgfalt, das Liebevolle der Animation in diesem altmodischen Stop-Motion-Verfahren, also mit echten Puppen und echten Modellen: Das ist so putzig und wirkt so gebastelt, dass man selber wieder zum staunenden Zwölfjährigen wird, der dies alles tatsächlich zum ersten Mal sieht.

Wichtig ist das Fell der Hunde, das im Wind sich bewegt, und dass sie, die Atari adoptiert haben, folgendermaßen heißen: Chief, Rex, Boss, Duke und King – alles Häuptlinge, keine Indianer, und gesprochen werden sie von Bryan Cranston, Edward Norton, Bill Murray, Jeff Goldblum und Bob Balaban, also richtigen Stars. Da jubelt und freut sich der Zuschauer, denn auch er ist ja ein Prinz wie diese Hunde, oder war es einmal.

Besonders wichtig aber ist die eigentümliche stilistische Handschrift Wes Andersons, zum Beispiel seine Manier, die komischerweise immer noch nicht manieriert wirkt: diese Bild-Zentrierungen, die ein bisschen den Effekt hervorrufen, als trete ein Schauspieler an die Rampe und hebe nun, oh weh, zu einem bedeutenden Monolog an; es ist aber zum Glück nur ein Satz, ein witziger One-liner, eine freche und flinke Aussage. Der klassische Rahmen, die theatralische Formatierung der Bilder und die frechen, komödiantischen Sätze und Gesten der Protagonisten stehen in einer ständigen Spannung zueinander, reizen zum permanenten Lachen und Lächeln – trotz der vielen dunklen Motive des Films.

Denn es sind nicht wenige Anspielungen auf die Schoah, die kurz durchs Bild geistern, ohne dass ich das Gefühl bekommen hätte, hier würde der Holocaust instrumentalisiert, als satanische Würze benutzt. Im Gegenteil: Was Art Spiegelman für den Comic geleistet hat, nämlich ihn mit «Mauschwitz» für des Thema des modernen Menschheitsverbrechens zu öffnen, das hat Wes Anderson für den Animationsfilm getan: «Isle of Dogs» funktioniert genregemäß, enthält alle Ingredienzien für einen gelungenen Kindergeburtstag mit Jux und Dollerei, bringt aber auch das Finstere und Niederträchtige, das Infernalische unserer Spezies zur Sprache und ins Bild. Grauen mit Komik zu verbinden, das gelang großartig und staunenswert einem Meister wie Ernst Lubitsch einmal in «Sein oder Nichtsein»; es gelingt hier Wes Anderson.

Es ist zum Lachen und zum Weinen, zum Erschrecken und zum Jubeln, es ist ein Wunderwerk und so reich an Witz, Weisheit und zauberhaften Details, an Intelligenz und Naivität, dass man wohl erst beim zweiten oder dritten Sehen diese Schatzkammer einigermaßen überblicken kann. Einer der schönsten, verwunderlichsten Filme der letzten Jahre, an dem man noch lange herumgrübeln wird, wie das bloß passieren konnte.

Kurt Scheel