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Filme und Serien #4

«In den Gängen»

«In den Gängen»

Thomas Stubers «In den Gängen» basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Clemens Meyer und spielt in einem Riesensupermarkt irgendwo in der ostdeutschen Superprovinztristesse; die Belegschaft hängt sympathischer-(wie verbotener-)weise ständig über den Mülltonnen mit den entsorgten, da per Verfallsdatum abgelaufenen Süßigkeiten. Verpetzt wird aber keiner, denn von der «Süßwaren-Marion» bis zum «Paletten-Klaus» herrscht hier absolut sozialutopische Solidarität. Das macht «In den Gängen» zu einem sehr emotionalen Vergnügen, welches für Theater-Afficionados zusätzlich dadurch gesteigert wird, dass sich hier in Gestalt von Peter Kurth als wortkargem, aber subkutan höchst dramatischem Chef-Gabelstaplerfahrer Bruno und Andreas Leupold als blaubekitteltem Abteilungsleiter tragende Säulen des Berliner Ex-Gorki- und nunmehrigen Stuttgarter Armin-Petras-Ensembles durch die Supermarktkorridore schieben.

Die Haupt-Acts aber sind Sandra Hüller und Franz Rogowski als nicht zueinander findende Kaufhallen-Königskinder: Wie Rogowskis schweigsamer, frisch zum Kollektiv gestoßener Ex-Knacki Christian mit traumwandlerisch stereotypenfreien Sehnsuchtsaugen Hüllers «Süßwaren-Marion» durch sämtliche Marktregallücken folgt, hat echten Ausnahmecharakter.

Überhaupt: Bei fahrlässiger schauspielerischer Behandlung wäre «In den Gängen» hochgradig kitschgefährdet. Aber von Hüller bis Rogowski, von Kurth bis Leupold herrscht hier eine künstlerische Präzision und Hybrisfreiheit, die nicht nur der Film-, sondern auch der Theaterbranche normalerweise häufig fehlt. So gelingt das seltene Kunststück, Sozialrealismus nicht zur putzigen Kleine-Mann-Folklore zu verzwergen.

Christine Wahl