What is Happening?
Die 68er und die Kunst
Günther Uecker baute eine «Barrikade» aus Riesennägeln und Sandsäcken. Georg Baselitz malte «Die große Nacht im Eimer», einen hässlichen, kleinen Jungen beim Onanieren. Peter Zadek drehte in Bremen den Schülerfilm «Ich bin ein Elefant, Madame». Im Jahr 1968 blieben auch die Künstler nicht unpolitisch.
In Aachen blickt eine gigantische Kunstschau zurück auf ein Jahr, das Kultstatus hat: «Flash of the future. Die Kunst der 68er – Die Macht der Ohnmächtigen». Dabei konnte das Ludwig Forum sich auch kräftig aus der Sammlung des Gründerehepaars Ludwig bedienen, das schon 1968 den richtigen Riecher hatte. Zur Ausstellung ist ein unglaublich informativer Katalog mit 600 Seiten erschienen, den es dank der Beteiligung der Bundeszentrale für politische Bildung für nur 7 Euro gibt. Der von Andreas Beitin und Eckhard J. Gillen, den Kuratoren der Ausstellung, herausgegebene Band wird sicherlich das Standardwerk zur Kunst der 68er werden.
«1968 führte zur RAF – mehr muss man nicht wissen.» Das kann man in diesen Wochen häufiger lesen. Wie denkfaul kann man eigentlich sein? Zum Mythos wurde jenes Jahr ja nicht durch den deutschen, sondern durch den französischen Mai mit seinen Studentenunruhen und Generalstreiks, die General de Gaulle nach Baden-Baden fliehen ließen. Die Künstler waren die Seismographen dieser gesellschaftlichen Verwerfungen: Schon 1960 malte Jean-Jacques Lebel sein «Großes kollektives antifaschistisches Gemälde» und 1963 Guy Debord seine «Abschaffung der entfremdeten Arbeit». Der Algerienkrieg hatte die französische Armee und Polizei zu Methoden geführt, die nichts anderes als faschistisch waren – Lebel zeigt in einem umfangreichen Gespräch mit den Kuratoren, wie die unhaltbare politische Situation die Künstler radikalisierte. Antirassismus, Antikolonialismus, Antikapitalismus und gingen eine fruchtbare Verbindung mit der Antikunst ein. Ein aufschlussreicher Zeitbalken in der Ausstellung legt die zehn Jahre dar, die weltweit zur Revolte von 1968 führte. Von Berkeley und Mexiko über Europa (West und Ost!) bis Japan reichten die «Unruhen», deren Folgen bis heute spürbar sind.
Niemand wusste damals, dass er im Jahr 1968 war – der Mythos wurde erst viel später konstruiert. Aber die Happenings von Beuys, Vostell, Brock, die No Art von Boris Lourie, die Basteleien von Tinguely, der die Gruppe des Nouveau Réalisme mitgegründet und mit Niki de Saint Phalle eine spannungsreiche Partnerschaft eingegangen war, all das explodierte eben damals zur gleichen Zeit, weil auch in der Gesellschaft viele die Spielregeln ändern wollten. Sex spielte dabei eine große Rolle; nicht nur, weil sich damit die Autoritäten am besten provozieren ließen, sondern weil die Not wirklich groß war: außerehelicher Sex war nicht toleriert, geschweige denn, wenn er mit dem eigenen Geschlecht ausgeführt wurde. Die Künstler nutzten die Macht der Bilder auch dafür. Deshalb waren sie noch keine besseren Menschen: Frauen hatte immer noch die schlechteren Karten und mussten sich ihre Emanzipation gegen die Ignoranz der Männer auch in linken und Künstlerkreisen hart erkämpfen.
Kunst und gesellschaftliche Bewegung von 1968 wurden von niemandem gesteuert, sondern waren ein freies Spiel von Kräften, die zur Befreiung drängten. Ob 1968 gut oder böse war, ist völlig irrelevant. Es war. Interessant sind nur die gesellschaftlichen Entwicklungen, deren Vorboten und Lautsprecher die Kunstwerke waren, die in Aachen so deutlich zum Betrachter sprechen. Zwei Themen fallen besonders auf: Konsumkritik und Antifaschismus. Die Schöne Neue Welt der Wiederaufbaugeneration wird in den Kunstwerken konfrontiert mit der Wirklichkeit. In gestylte Wohnzimmer bricht das Elend der Bevölkerung der Dritten Welt, des Vietnamkriegs, der chinesischen Kulturrevolution. Die Künstler griffen die Techniken des Dada und des Surrealismus wieder auf, die in Europa wie in Amerika in Vergessenheit geraten waren.
Besonders Wolf Vostell hat immer wieder Konsum- und Alltagsgegenstände mit antimilitaristischen Motiven kombiniert (z. B. sein berühmter Lippenstiftbomber). Die Alltagsobjekte gleichen in ihrer Form den Waffen (wie auf seinem Bild eines Phantom-Bombers die halbverspiegelte Form der Glühbirnen dem Brems-Fallschirm). Die darin enthaltene Konsumkritik ist immer auch eine Kritik am global-kapitalistischen System, das nicht zuletzt auch durch militärische Gewalt der in der NATO mit der BRD verbündeten kolonialistischen bzw. imperialistischen Staaten durchgesetzt oder verteidigt wird. Von den Menschen der verwalteten Welt ist kein Widerstand zu erwarten, folglich müssen die Künstler politisch werden.
In der Ausstellung ist auch der Schock zu verfolgen, den Künstler wie Richter, A. R. Penck oder Sigmar Polke durch die politischen Enthüllungen erlebten und der ihrer künstlerischen Entwicklung eine andere Richtung gab. Die Künstler waren ja auch international vernetzt und beeinflussten sich gegenseitig. Die neuen Entwicklungen in der nordamerikanischen Kunst wurden in Europa wahrgenommen. Enthüllungskunstwerke wie die von George Macunias transportierten sowohl einen neuen künstlerischen als auch einen politischen Impuls.
Interessant auch die markanten Beispiele aus der DDR-Kunst von Tübke, Sitte & Co. Die SED stellte die DDR ja als den Staat der gerechten Antifaschisten dar, der sich mit der Vergangenheit nicht auseinanderzusetzen brauche. Wenn Willi Sitte dennoch drastische Bilder von Massakern der Wehrmacht malte, deren Zeuge er geworden war, brach er ein Tabu. In Westdeutschland wurden derweil die Nazi-Gräueltaten beschwiegen. Die vom Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gegen seine eigene Justizbehörde erzwungenen Auschwitzprozesse öffneten vielen Künstlern die Augen dafür, wie stark der Nachkriegsstaat noch von Altnazis und vor allem von der Nazi-Ideologie durchtränkt war.
Und schließlich legt die Ausstellung am Beispiel Aachen dar, dass die Revolte sich keineswegs auf die bekannten Zentren beschränkte. Auch hier fanden politische Aktionen statt und begann das Sammler-Ehepaar Ludwig deren künstlerische Produkte zu kaufen, die jetzt in der Ausstellung zu sehen sind. Frank Erhard Walther, der 2016 den Kulturpreis Aachen erhielt, ist mit einer Stoffecke vertreten, die mit Stroh vollgestopft ist. Auch aus diesem Grund hat die Aachener Schau in ihrer Verbindung von regionaler Bodenhaftung mit weltweiten Bezügen einen Informationswert, der die weiteste Reise lohnt.
Flashes of the Future
Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen
20.04.18–19.08.18