In alten Zeitschriften zu blättern, kann sehr vergnüglich sein. Im Spiegel von 1967 zum Beispiel. Die Schlagzeilen rattern von Kain bis Abel und man findet alles herrlich pittoresk. Der Computer RUF-PRAETOR hat über 7168 Kernspeicherstellen! Aus der Werbung für Mayser-Hüte schaut einem eine Dame mit Melone entgegen, «nur Saudi Arabian Airlines fliegt Sie» – im internationalen Jahr des Tourismus – «direkt nach Jeddah!» Alka-Seltzer «stoppt schon heute den Kater von morgen», wenn «ein paar Zigaretten über das gewohnte Maß hinaus» mal wieder nicht zu vermeiden waren. Man findet «Mao-Parolen an der Bordwand» und auf dem Titelblatt ist Axel Springer mit Schulbubenmine das Menetekel einer «Gefahr für Deutschlands Zeitungen».
1967: In diesem Jahr bringen die Beatles ihr legendäres Sgt. Pepper-Album raus, Derridas «Grammatologie» erscheint und Guy Debord veröffentlicht seine Schrift gegen die «Gesellschaft des Spektakels», auf die sich situationalistische Studentengruppen im Pariser Mai 1968 teilweise eher erratisch beziehen werden. Es ist das Jahr der Erschießung Benno Ohnesorgs, des Sechstagekriegs, der Rassenunruhen im amerikanischen Newark, Detroit und im Süden der USA.
In diesem Kontext ist die Spiegelausgabe vom 25. September 1967 eigentlich ein eher unauffälliges Exemplar. Fände sich nicht im Kulturteil das legendäre Spiegel-Gespräch mit dem Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez. Mit dem Titel «Sprengt die Opernhäuser in die Luft». Stört gar nicht, dass dieser Satz im Interview nicht fällt. So zumindest nicht.
Das Interview, besser: seine Titelzeile, gehört heute zu den bekanntesten der Operngeschichte. Dem in späteren Jahren angeblich «altersmilde» gewordenen Künstler trug das Skandalinterview seinerzeit sogar eine Verhaftung in Basel ein. Anscheinend hatte der Schweizer Geheimdienst vom Spiegel abgeschrieben, der Boulez gleich auf der ersten Seite als den «bedeutendsten Repräsentanten einer jungen, radikalen Komponistengeneration» vorstellte, «die‚ ohne unnütze Melancholie, aber auch ohne zu zögern‘ stets groß schreibt: SCHÖNBERG IST TOT» –Titel und Fazit des ebenfalls legendären Essays von 1952. Schon damals hatte Boulez mit seiner nicht eben zurückhaltenden Kritik am Altmeister der 12-Ton-Technik für Empörung in der neuen Musikszene gesorgt, ein Skandal, an den anzuknüpfen den Verkaufszahlen des Spiegel nicht schaden konnte.
Zwischen Alka-Seltzer und PRAETOR-Pragmatik polemisiert Boulez nun gegen den «ganz oberflächliche[n] Modernismus» der gesamten Opernepoche nach Berg (Lieblingsbeispiel: der «lackierte Friseur» Hans-Werner Henze), «sterile» Literatur-Vertonungen, rückschrittliche Opernregisseure (Zefirelli), kulturdünklerische Opernpublikümmer, den Hamburger Intendanten Rolf Liebermann mit seinem «bürgerlichen Durchschnittsgeschmack», Weill und Dessau, Repertoire-Theater, Opernmuseen, die «Provinzstadt Paris» und was sonst noch vor die Flinte läuft. Dass sich darunter viel Kluges und einige nüchterne Selbsteinschätzungen verbergen, übersieht man angesichts der Lautstärke dieser vom Spiegel noch angeheizten Polemik leicht. Steckbrieffotos der suggerierten Kontrahenten im Kampf um die moderne Oper und zugespitzte Zitate aus dem Interview geben dem Ganzen jedenfalls einen ironisch-reißerischen Unterton.
Verlässt man solche Oberflächenbetrachtungen, ergibt sich ein lohnenderes Bild. Zunächst einmal: Boulez war zu diesem Zeitpunkt alles andere als ein naiv-aggressiver Theateraußenseiter. Als Musikalischer Leiter des Ensembles Renaud-Barrault hatte er elf Jahre lang Erfahrungen mit Musik-Theater gesammelt, die «Wozzeck»-Produktion mit Wieland Wagner, der erste «Parsifal» in Bayreuth lagen hinter ihm. Vor allem aber hatte das skandalisierte Spiegel-Interview einen ganz konkreten Hintergrund: die desaströsen Probenbedingungen der «Wozzeck»- Wiederaufnahme an der Frankfurter Oper nach dem Tod Wieland Wagners. Eine Kritik an der Institution Oper – außen modern wie der neue Frankfurter Opernbau, innen verstaubt und kunstfeindlich – lag da nahe. Gleichzeitig schließen Boulez‘ Äußerungen in Vielem nahtlos an seine theoretischen, kritischen Schriften an. Um ein bloßes emotionales Sich-Luft-Machen handelt es sich also nicht. Und tatsächlich ist der Polemiker Boulez selbst in seinen spitzigsten Spitzen überwiegend differenziert; mehrfach korrigiert er z.B. die vereinfachenden Nachfragen des Spiegel, etwa nach einem «zeitlosen» Thema für eine neue Oper.