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Kein Schritt zurück

Die Primaballerina Olga Esina

Olga Esina zählt zu den aufregendsten Primaballerinen Europas. Die Unnahbarkeit, die die Erste Solistin des Wiener Staatsballetts auf der Bühne umgibt, weicht im richtigen Leben großer Ernsthaftigkeit. Und einer überraschenden Emotionalität: Lachen, Begeisterung, Sorge, Traurigkeit lässt sie durchaus zu, aber nur kurz, um dann schnell wieder in die Konzentration zurückzufinden.

Als sie selbst klein war, träumte sie nicht von einer Karriere als Ballerina. Zwar nahm das Kind Olga, aufgewachsen in der Nähe des berühmten Mariinsky Theaters und seiner Ballettkompanie, seit dem sechsten Lebensjahr Unterricht in einem Studio. Allerdings nur so nebenher, als eines von mehreren Hobbys. Ballettstunden langweilten sie – es fiel ihr zu leicht. Der Zufall ebnete den Weg zur Bühne. Es war die Mutter einer Freundin, die ihre Mama auf die Idee brachte, ihre Zehnjährige an einer professionellen Ballettschule anzumelden. Olga ließ sich zu einer Aufnahmeprüfung an der Waganowa-Akademie überreden – es sollte ja nur ein Versuch sein. Sie bestand nur knapp. Esina schmunzelt: «Es hieß, wenn das Niveau so bliebe, müssten wir uns nach einem halben Jahr trennen.» Sie wird lebhafter: «Anfangs musste ich mich sehr anstrengen, ich war schlecht.» Aber der Ehrgeiz war geweckt. «Ich begann, die Schritte wirklich zu verstehen – und wollte die beste werden.» Also trainierte das zarte Mädchen, dem es an körperlicher Kraft noch fehlte, abends mit den Eltern – beide Ingenieure. «Und nach einem halben Jahr war ich die Beste in meiner Klasse», freut die Top-Tänzerin sich noch im Nachhinein.

Olga Esina lebt und tanzt seit mittlerweile 17 Jahren in Wien. Der damalige Ballettchef Gyula Harangozó holte die 20-Jährige zur Spielzeit 2006 aus ihrem Engagement beim Mariinsky-Theater an die Donau – und sie blieb. Hier fand sie beim Staatsballett auch das private Glück. 2014 heiratete sie den damaligen Ersten Solotänzer Kirill Kourlaev, ebenfalls Russe. Er ist es, der sich um die beiden Töchter kümmert und auch sonst den privaten Alltag organisiert. Hat sie niemals daran gedacht, an ein anderes großes Haus zu wechseln? «Ehrlich gesagt, ja,» räumt die Künstlerin ein, «es gab Einladungen vom Bolschoi und auch vom Mariinsky etwa um 2010. Ich dachte daran, dass meine Familie dort lebt, und dass mich das Publikum dort liebt. Aber es wäre doch ein Schritt zurück gewesen.» Entscheidend sei gewesen, dass sie in Wien mit deutlich mehr Choreografen von Weltrang arbeiten könne. Und dann ist da noch ein überzeugendes Argument – der Wiener Opernball. Nach anfänglichem Fremdeln sehnt die Primaballerina ihn alljährlich herbei: «Ich liebe es! Die Vorbereitungen, schöne Kleider, schöne Frisuren, Schmuck, das Make-up, die Balletteinlagen und später das Feiern mit Freunden», schwärmt sie.

Das gesamte Porträt von Bettina Trouwborst lesen Sie in tanz 4/23