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Trotz alledem

John Neumeier über die Kunst in Zeiten des Krieges

John Neumeier, Sie haben in einem Statement klare Worte gefunden, haben angesichts des ukrainischen Schicksals Mitgefühl, Entsetzen und Hilfsbereitschaft zum Ausdruck gebracht – zugleich sind Sie künstlerisch schon lange mit Russland verbunden. Sie haben mit russischen Tänzern und Tänzerinnen gearbeitet, mit Stars wie Diana Vishneva und Olga Smirnova, die sich sehr schnell gegen den Krieg positioniert haben. Genau wie Vladimir Urin, der Generalintendant des Bolschoi, dessen gemeinsam mit anderen prominenten Kunstschaffenden lancierter Friedensappell aus dem Netz verschwunden ist ...
...eine mutige und großartige Geste. Ich habe ihm das auch geschrieben. Aber Tatsache ist: Wenn ich jetzt Diana Vishneva zu meinem Festival in Baden-Baden einlade, muss ich überlegen – geht das überhaupt? Und ich weiß mit Bestimmtheit, dass Diana Vishneva nichts, aber auch gar nichts mit diesem Krieg zu tun hat. Sie ist ein integrer Mensch, wie Smirnova, wie Urin. Aus meiner Sicht ist das eine fürchterliche Diskrepanz, eine Zerreißprobe, in die wir Künstler jetzt gestellt sind. Man darf keinesfalls von dem Mann im Kreml auf den Rest des russischen Volkes schließen – das wäre fatal.

In den Kompanien des Westens spielt die Frage der Herkunft – ob russisch, ob ukrainisch – nach meinem Eindruck gar keine Rolle. Nicht selten sind die Kollegen sogar freundschaftlich verbunden. Ja, das trifft auch für das Hamburg Ballett zu. Es gibt eine große Solidarität. Aber was einen heftig umtreibt: Man möchte den Geflüchteten unbedingt helfen, hat aber nicht genug Mittel zur Verfügung. Wir können die Türen aufmachen, auch Trainingsgelegenheiten sind nicht das Problem. Aber Verträge lassen sich nicht herbeizaubern – und dabei wäre es so wichtig, den Menschen das zu geben, was sie daheim gerade verloren haben. Natürlich haben wir Anfragen von geflüchteten Tänzern und Tänzerinnen aus der Ukraine – und übrigens auch von russischen Kollegen, die nicht mehr in ihrer Heimat bleiben wollten. Ich habe bei Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und bei Kulturstaatsministerin Claudia Roth angefragt, ob es nicht irgendeinen Fonds gibt, um Hilfe zu finanzieren. Unsere Schule tut sich dank eines Unterstützerkreises, der Geld gibt, etwas leichter – wir werden auf jeden Fall ein elfjähriges Mädchen, das uns kontaktiert hat, aufnehmen. Aber es frustriert mich ungemein, nicht sicherstellen zu können, dass geflüchtete Tänzer ihren Beruf ausüben können.

Alexei Ratmansky hat seine Choreografie am Bolschoi abgebrochen und ist ausgereist …
Ich habe mit ihm gesprochen, er sagt ganz klar: Das Problem ist die unglaubliche Propagandamaschine in Russland. Selbst manche seiner Freunde sähen die Wirklichkeit nicht. Und nicht nur Russland ist das Problem – auch China. Die offizielle Politik steht zu Putin, und wir hatten bisher ein sehr gutes Verhältnis zu China. Wenigstens in der Kunst war die Welt wirklich offen. Jetzt muss man sich permanent fragen: Darf ich das, kann ich das, was hat es möglicherweise für politische Konsequenzen? Der Konflikt zwischen Absicht und Möglichkeiten beschäftigt mich doppelt. Wir müssen den Menschen, die aus der Hölle geflüchtet sind, helfen – aber ich sehe noch nicht genau, wie. Auf der anderen Seite werde ich die Beziehungen zu Russland so lange wie möglich halten. Die sprichwörtliche Liebe der Russen zur Kunst – wir kennen sie alle! Sie stellen sich bei Minusgraden stundenlang in die Kälte, um eine Ausstellung oder einen Theaterabend zu sehen. Ich habe gestern etwas sehr Bezeichnendes hier in L.A. erlebt: Ich war in einem Restaurant, und ein Bekannter bestellte Wodka, aber dezidiert «keinen russischen Wodka». Da habe ich ihm zu ihm gesagt: «Putin hat diesen Wodka nicht gemacht, bitte trink einen russischen Wodka! Wir können kein Volk boykottieren, weil ein Verrückter ein solches Chaos angerichtet hat.»

Das gesamte Interview von Dorion Weickmann lesen Sie in tanz 4/22