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Rezensionen 4/21

Hofesch Shechter: «From England with Love»

Immer wieder erklingen bekenntnishaft ein paar der eindringlichsten Weisen, die sich Englands Komponisten haben einfallen lassen: «If Ye Love Me» von Thomas Tallis, «Hear my prayer, O Lord» von Henry Purcell oder «Abide with Me» von William H. Monk – alle unvergleichlich gut gesungen vom King’s College Choir aus Cambridge. Dazwischen hat Shechter geräuschvoll eigene Musik eingeschoben, als wolle er alles Harmonische aufbrechen. Die Gruppen zersplittern sich, von den hämmernden Rhythmen angetrieben und wie im Drogenrausch sucht sich am Ende Jon Bond aufbegehrend zu vergessen.

Die Szene hat etwas Apokalyptisches, und Shechter verstärkt diesen Eindruck auch noch, indem er die Kamerabewegungen gleich mitgestaltet. Hier bleibt man als Zuschauer nicht außen vor, sondern wird augenblicklich hineingerissen in ein tänzerisches Tohuwabohu, bei dem schon mal die eine oder der andere auf der Strecke bleibt. Grandios hat Shechter das scheinbare Chaos choreografiert, ingeniös das Licht von Tom Visser. Zwischen Euphorie und Ernüchterung hin- und hergerissen, endet die lange Reise in die Nacht mit einer Szene, die einem noch lange im Gedächtnis haftet. Noch einmal finden sich alle zusammen, um mit Kusshand Abschied zu nehmen von der Gemeinschaft, der sie bisher angehörten. Ein letztes Lebewohl. Ein paar Tränen, wie im Ballett mit Fingern angedeutet. Der Rest ist Wehmut, kaum hörbares Gezirpe schattenhafter Vögel – und eins der stärksten Stücke der letzten Jahre.

Die gesamte Rezension von Hartmut Regitz lesen Sie in tanz 4/2021