Alles fliegt auseinander
Die Regisseurin Elisabeth Stöppler über ihre Sicht der «Götterdämmerung»
Frau Stöppler, trifft die «Götterdämmerung» heute wieder einen Nerv der Zeit?
Absolut, weil sie eine Endzeit beschreibt, das Ende der Götter und damit einer Weltordnung. Als ich das Angebot aus Chemnitz bekam, war ich sehr froh darüber, gerade den letzten Teil des «Rings» inszenieren zu dürfen. Den Moment also, wenn alles im wahrsten Sinne des Wortes auseinanderfliegt. Die Apokalypse der Götter, in die sich im Grunde alle nach und nach hineinreiten – im wahrsten Sinne des Wortes, was Brünnhilde betrifft. Auch unsere Zeit hat ja eine extreme Eskalationsstufe erreicht. Die Luft brennt, und es wird immer offensichtlicher, dass unsere Verhältnisse früher oder später zu Ende gehen oder zumindest eskalieren werden. Tatsächlich hat mich die «Götterdämmerung» wirklich wachsen lassen, als Regisseurin, aber auch ganz persönlich. Was mich besonders an Wagners Musiktheater fasziniert: Die Figuren haben so unendlich viel Zeit und Raum, sich auszudehnen und sich im wahrsten Sinne des Wortes zu ent-wickeln. Man kann ihnen buchstäblich dabei zusehen, wie sie sich ent-äußern, wie sie ihre Fassung verlieren.
Die Männer kommen in Ihrer «Götterdämmerung» ziemlich schlecht weg. Sie scheinen den Drogen und ihrer eigenen Machtversessenheit verfallen.
Das wäre viel zu kurz gegriffen. Wir haben Hagen sehr stark als Opfer gezeichnet, das durch den brutalen Vater Alberich geprägt ist. Natürlich geht er fatal und unglaublich radikal mit seinem Hass um, aber ich finde ihn nicht oberflächlich darauf reduziert. Er hat eine Not. Und genau so sehe ich es auch bei Siegfried. Siegfried ist bei uns ein grundsätzlich suchender, ein haltloser Mensch. Er ist verunsichert, hin- und hergerissen und beginnt, seine Zweifel mit dem «Vergessensgift» zu betäuben. Bei uns ist das ganz klar eine Droge, an der er sich festhält, die ihn psychisch wie physisch nach und nach zerstört. Daniel Kirch, ein fantastischer Sängerdarsteller, hat das auf eine unglaublich berührende und feinsinnige Art verkörpert – die in meinen Augen übrigens auch eine starke weibliche Komponente aufweist ... Ich jedenfalls habe einen solchen Siegfried noch nie gesehen und fand erstaunlich, dass in der Wahrnehmung der Aufführung die Frauen-Figuren – speziell Brünnhilde – so stark im Vordergrund standen.
Es wurde vielmals hervorgehoben, Sie hätten eine explizit weibliche Sicht der «Götterdämmerung» auf die Bühne gebracht. Stimmen Sie dem zu?
Ich verstehe eigentlich nicht, was genau dieser «weibliche Blick» sein soll. Und empfinde es als wahnsinnig verkürzt, eine Inszenierung, aber auch meine Deutung darauf zu reduzieren. Ich kann nur sagen, dass ich versuche, mich jedem Stoff mit größtmöglicher Offenheit und unverstelltem Blick zu nähern und den Figuren – Männern wie Frauen – ein Höchstmaß an Komplexität und Widersprüchlichkeit abzuringen. Allerdings habe ich tatsächlich von Anfang an ein unglaubliches Ressentiment dagegen verspürt, Brünnhilde am Ende der Geschichte sterben zu lassen; ich war – und mir darin auch mit meinen Bildnerinnen Annika Haller und Gesine Völlm einig – gegen diesen finalen Opfergang (der ja übrigens auch fast allen Heldinnen der französischen und italienischen Oper vorbestimmt ist). Ich suche grundsätzlich in solchen Momenten nach einer Alternative, nach einer anderen Möglichkeit zu denken und zu handeln. Ob das jetzt explizit weiblich ist, weiß ich nicht.
Das gesamte Gespräch mit Elisabeth Stöppler
von Silvia Adler finden Sie in Opernwelt 4/20.