Rezensionen April 2020
Foto: Nicole Marianna Wytyczak
Holzinger: Étude for an Emergency. Composition for ten Bodies and a Car in München
Für ihre radikale Neuformulierung weiblicher Selbst- und Fremdentwürfe auf der Folie traditionsreicher Kulturtechniken wie beispielsweise dem Ballett steht Florentina Holzinger derzeit hoch im Kurs. Dabei braucht sie Präsenz nicht zu behaupten. Sie stellt sie aus und her, pur und physisch, mit Witz und Wucht die symbolischen Ordnungen hinter sich her zerrend. «Étude for an Emergency. Composition for ten Bodies and a Car» lästert über die passive Ästhetik weiblicher Bühnentode, die den Protagonistinnen in Drama und Oper zugedacht sind, als Selbstmörderin oder Schwindsüchtige, leidend und schön singend noch über ihr Ende hinaus, während die Männer bis zum letzten Atemzug kämpfen dürfen.
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Als kleinen Vorgeschmack spielt man zu fröhlichem Sound of the 70s die legendäre Ohrabschneide-Szene aus Tarrantinos «Reservoir Dogs» nach. Ein bisschen Rote-Bete-Saft spritzt dabei auf den Boden, und dann geht es richtig los. Vier Frauenpaare exerzieren unter dem strengen Takt der Dirigentin Sibylle Fischer Schlag und Gegenschlag, Fußtritt in den Bauch, rückwärts an die Matte klatschen, die Partnerin an den Haaren zu Boden reißen – und eins und zwei und wieder von vorn. Entsprechende Kampfgeräusche werden verstärkt eingespielt.
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In der nächsten Runde heißt es, im Kugelhagel auf die Matte gehen, bei jedem Treffer den Körper in eine andere Richtung werfen oder im MG-Feuer wie unter Strom zucken und aller Imagination entkleidet auf den Mattenboden aufschlagen. All das sind Patterns, die man sonst vor allem aus Actionszenen mit Männerkörpern kennt (wobei in den Martial Arts die Frauen ja auch schon aufgeholt haben). Und dann ist da noch diese seltsame und ebenfalls schon oft beschworene Affinität zwischen blutiger Gewalt und klassischer Musik, die bei Holzinger noch eine spezifische Zuspitzung erfährt, weil hier neben den roten Knien und Köpfen der Kämpferinnen auch die Anstrengung der Sängerinnen an der zitternden Bauchmuskulatur abzulesen ist.
Die gesamte Rezension von Silvia Stammen finden Sie in Theater heute 4/20