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Filme & Serien

«The Death of Stalin», «Move»

«The Death of Stalin»

Das ist schon eine ziemlich merkwürdige Gruppe von mittleren und älteren Herrschaften, die da herumsaufen, schwadronieren und Zoten erzählen, lauthals lachend und einander gleichzeitig belauernd. Spät nachts müssen sie dann noch auf Geheiß des jovialen Chefs einen John-Ford-Western anschauen – was solche mächtigen Männerbünde in ihren luxuriösen Datschen eben so getrieben haben, 1953 in Moskau. Wenn da nicht schon wieder diese neuen Todeslisten kursierten, auf denen, niemand kann sicher sein, vielleicht der eigene Name steht.

Es handelt sich bei unserer ältlichen Boy Group nämlich um das ZK der KPdSU, um Malenkow (Jeffrey Tambor), Molotow (Michael Palin), Mikojan (Paul Whitehouse), Chruschtschow (Steve Buscemi) und Beria (Simon Russell Beale), und der Obermotz ist natürlich Stalin (Adrian McLoughlin). Sie sprechen Englisch mit amerikanischem oder englischem Akzent, und die Maskenbildner haben sich keine große Mühe damit gemacht, sie den historischen Vorbildern anzunähern, denn darauf kommt es hier nicht an; Es braucht nur einen Schnauz und ein gütiges Lächeln, und man erkennt ihn auf der ganzen Welt, den ruhmreichen Sowjetführer.

Nach einer dieser exzessiven Nächte bekommt Stalin endlich den verdienten Gehirnschlag, da liegt er nun, gelähmt und hilflos, auf dem Boden, nässt sich ein (darüber hat man, bezogen auf Exekutierte, gerade gehöhnt), und niemand wagt es, unaufgefordert sein Gemach zu betreten: Dialektik des Terrors, möchte man witzeln, und erstaunt stellt man fest, dass man mit grimmigem Vergnügen zusieht, wie dieser Fürst der Finsternis am Verrecken ist.

Denn wir haben es bei «The Death of Stalin» (2017, Regie und Drehbuch Armando Iannucci) mit einer Farce zu tun, was bedeutet, dass unsere schöneren menschlichen Züge wie Mitleid und Anstand erst einmal suspendiert sind, bei den Protagonisten wie bei uns, dem Publikum. Leicht verroht schauen wir den schwer verrohten Charakteren auf der Leinwand zu, bei ihrem mörderischen Treiben, das entsetzlich ist, aber auch komisch – an und für sich, aber auch für uns, denn es besteht keine Gefahr mehr, wir gruseln uns nur gepflegt und lachen über die größten Menschheitsverbrecher des 20. Jahrhunderts, Hitler, Stalin, Mao. Es ist aber kein schönes, herzliches Gelächter, denn es waren ja reale Menschen, Millionen, die auf ihren Befehl hin getötet wurden, umgekommen sind: Noch der albernste Hitler-Witz partizipiert am historischen Grauen, noch die billigste Stalin-Parodie ist auch ein Seufzer der Erleichterung über das Ende dieses Schlächters.

Wenn Stalin endlich tot ist (das zieht sich und gibt Gelegenheit für geschmacklose Witze, zum Beispiel, dass nur mittelmäßige Ärzte zur Verfügung stehen, die besten, zumeist Juden, sind als Verräter liquidiert worden), nimmt der Machtkampf zwischen dem Geheimdienstchef Beria und dem fast sympathischen, jedenfalls nicht total verrückten Chruschtschow Fahrt auf, es geht darum, die anderen ZK-Mitglieder für die eigene Gang zu gewinnen, alles streng volksdemokratisch!, was zu aberwitzigen Diskussionen führt, die immer noch von den Dogmen Stalins («keine Fraktionsbildung!») dominiert werden.

Oder die verdeckten Kämpfe darum, wie man die byzantinischen Begräbnisfeierlichkeiten so gestalten könnte, dass der Konkurrent und Todfeind schlecht aussieht und man selber als gutmütiger Versöhner rüberkommt, was den Folterfürsten und Kinderschänder Beria plötzlich zu einem liberalen Reformer mutieren lässt und Chruschtschow naturgemäß zutiefst empört: «Aber das wollte ich doch sein!»

Gar nicht zum Lachen ist freilich ein anderes Leitmotiv des Films, die historisch verbürgte Trauer auch und gerade vieler Opfer des stalinschen Terrors; bis heute ruft diese Perversion, diese Identifikation mit dem Aggressor Verwunderung, ja Abscheu hervor – mehr als die Hälfte der Russen hält Stalin immer noch für einen letztlich guten Mann; bei den Chinesen und Mao sieht es noch finsterer aus; nur wir braven Deutschen haben fast vorbildlich unsere Lektion gelernt und verabscheuen A. Hitler mit über 90 Prozent der Stimmberechtigten.

Der Film basiert auf einem französischen Comic, was seiner Neigung zu Slapstick und gegen Subtilität entgegenkommt. Ganz so derb und durchgeknallt wie in seiner großartigen TV-Serie «Veep» ist Iannucci in diesem Film allerdings nicht. In meiner Vorstellung, mittelaltes, gebildetes Publikum, lachte man nur anfangs, danach dann eine Art grimmes Vergnügen, das von Beklommenheit abgelöst wird, wenn beispielsweise Hinrichtungen gezeigt werden – DASS man sie zu sehen bekommt, ist dem Film hoch anzurechnen, er zielt jedenfalls nicht mit allen Mitteln auf ein Publikum, das nur «ordentlich ablachen» will.

Das größte Lob muss man dem Film und seinen wunderbaren Schauspielern (Jason Isaacs als Marschall Schukow sei noch erwähnt, ein so pfauenhafter, fast trumpartig eitler Gockel, dass man schon lachen muss, wenn er nur auftritt, aufstolziert) gar nicht selbst zollen, es ist also nicht Geschmackssache oder den Vorlieben des Filmkritikers geschuldet – das größte Lob hat die amtierende russische Regierung in Putins Schurkenstaat gespendet, indem sie „The Death of Stalin“ kurzerhand verbot.

Kurt Scheel

«Move!»

Kann ja sein, dass Tanz im Fernsehen meistens öde wirkt und vorzugsweise im Spätprogramm läuft, weil sich dabei so ungeniert einnicken lässt. «Move!» aber macht eine Ausnahme, obwohl arte die sechsteilige Serie auch erst zu vorgerückter Stunde ausstrahlt. Was sich die Filmemacherin Lena Kupatz und ihr Team rund um das menschliche Bewegungsvermögen ausgedacht haben, ist spannend und spannungsvoll, dramaturgisch klug und in zeitgemäß schnittige Optik verpackt. Zudem punktet die Sendereihe dank einer Moderatorin, die als Tänzerin und Choreografin nicht nur weiß, wovon sie spricht, sondern jederzeit selbst in Aktion treten kann. Und das tut Sylvia Camarda sichtlich gern und mit burschikosem Charme – ob sie nun auf der Wiese vor dem Berliner Reichstag mit der Kollegin Helena Waldmann im Zeltkostüm turnt, als Wassernixe umher wirbelt oder in einen gläsernen Vertikalwindtunnel steigt. Der sieht aus wie ein großes Goldfischglas und gibt dem Körper dank Supertechnik soviel Auftrieb, dass er frei schwebend in der Luft tanzen kann. Eingedenk der eigenen Kindheitsträume vom Fliegen muss da in der Zuschauerseele doch glatt der blanke Neid keimen!

Zusätzlich verfügt Camarda über das seltene Talent, Experten wie Exzentrikern aller Art wertvolle Informationen zu entlocken. In jeder Folge bringt sie zwei Antagonisten in Stellung, die für die beiden Seiten ein- und derselben Medaille stehen. So tritt etwa der Digitalspezialist Scott deLahunta gegen den Digitalskeptiker Tino Sehgal an – und zwischen den Herren tut sich der größtmögliche Abstand auf: Der Wissenschaftler hat die analoge Choreografie längst verabschiedet und setzt auf Logarithmus getriebene Kreationen, während der Künstler noch nicht einmal Fotografien seiner Werke in Umlauf bringen mag und die virtuelle Dimension einfach ignoriert. «Facebook – was ist das?»

Irgendwo im Verlauf der summa summarum knapp dreistündigen Sendezeit wird jeder einen ganz persönlichen Favoriten entdecken. Die reine «Move!»-Substanz aber fließt in einer Szene vor dem Brüsseler Parlament zusammen. Da erteilt die Tangolehrerin Eugenia Ramírez Miori eine Lektion ihrer Kunst: Tanz als Duell, als Umarmung, als Rollenspiel und erotische Annäherung – «und doch ist jeder zutiefst mit sich allein.» Soviel Wahrhaftigkeit, soviel Schönheit wird per TV sonst kaum noch versendet.

Dorion Weickmann

Die Folgen 1 und 2, «Fliegen» und «Der digitale Mensch», laufen am 15. April ab 23.50 Uhr; die Folge 3, «Angst», wird am 16. April um 2.55 Uhr gezeigt; die Teile 4, 5 und 6 – «Verhüllung und Enthüllung», «Macht», «Fließen» gibt es am 22. April ab 22.45 Uhr

www.arte.tv