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Filme und Serien #2

«Ready Player One»; «3 Tage in Quiberon»

«Ready Player One» von Steven Spielberg

«Im Jahr 2045 sind viele Bevölkerungszentren der Erde zu Slum-ähnlichen Städten geworden. Um ihrer Verzweiflung zu entkommen, bewegen sich die Menschen in der virtuellen OASIS, einem Multplayer-VR-Spiel einer Online-Plattform.»

So steht es im Wikipedia-Artikel zu «Ready Player One» (2018, Steven Spielberg), was ich aber auf der Leinwand sehe, sind filigran wirkende Wohncontainertürme in ausgebleicht-eleganten Farben; und ein Jüngling hüpft geschickt von oben nach unten, seilt sich lässig ab, blickt so nebenbei in die fremden Container, wo beispielsweise eine übergewichtige schwarze Frau selbstvergessen tanzt, hübsch, mit dieser Computerspielbrille vor den Augen. Eigentlich sieht das nicht nach Slum und Verzweiflung aus, sondern nach einer Mischung aus Tarzan und Spiderman, meisterhaft in Szene und ins Bild gesetzt, mit nostalgischer Ironie und gutmütiger Souveränität: Steven Spielberg, der Vermeer des Popcornkinos, bei dem sogar das Elend schön wird!

Zum Glück ist es nicht nötig, die hochkomplizierte Handlung des Films nachzuerzählen, die obendrein immerzu zwischen «richtiger» und virtueller Realität umherspringt (ich fürchte, ich habe den Plot sowieso nicht in allen Feinheiten verstanden); man kann sich auf den Fluss der Bilder konzentrieren, und man muss nur wissen, dass unser nicht sehr attraktiver Held Wade Watts (Tye Sheridan) in der OASIS-Welt als Avatar «Parzival» bekannt ist – grazil, fast ein bisschen feminin, superhübsch eben. Wir befinden uns im gewöhnlichen Tagtraum eines Jünglings, dazu braucht es eigentlich keinen technischen Firlefanz («VR-Brille»), nicht einmal das längst überholte analoge Medium Buch («Roman»), es reicht, die Augen zu schließen, und dann bastelt man sich seinen eigenen Wunschtraum, Kopfkino eben, das funktioniert seit einigen Jahrtausenden sehr gut – und 2045 offenbar nicht anders als heute.

Glaubt jedenfalls Spielberg, wenn er den jungen Ritter («Dümmling») auf seine Suche schickt. Und der wird, wollen wir wetten, die drei vom genialen Erfinder der OASIS versteckten Schlüssel finden und damit der Herrscher dieses virtuellen Königreichs werden, naturgemäß die Prinzessin (Olivia Cooke) bekommen, den Bösewicht (erstaunlich blass und undämonisch: Ben Mendelsohn) unschädlich machen; und statt eines menschenverachtenden und auch noch virtuellen Ellbogenkapitalismus, der uns unsere Daten und Coins stehlen will, stiftet Parzival/Wade eine wohlwollende Oligarchie seines «Clans». Offenbar können dann alle kostenlos in der OASIS spielen oder so ähnlich (quasi solidarisches Grundeinkommen), freilich ist an zwei Wochentagen die virtuelle Realität aus familienpolitischen Gründen geschlossen: Das Beste, so die finale Botschaft des Films, ist die Realität, denn die ist real.

Darüber, lieber Leser, vielliebe Leserin, sollten Sie nicht lachen, denn diese Plattitüde ist nicht dümmer als Wittgensteins berühmter Satz, die Welt sei alles, was der Fall ist. Will sagen: Selbst die unvermeidlichen philosophischen Tautologien haben in diesem technisch aufgerüsteten Ritterfilm eine gewisse Würde, weil Spielberg sie so lässig und lächelnd präsentiert. Ganz anders als in den «Star Wars»-Filmen mit ihrem blechernen Pathos und in «Matrix» mit diesem ideologischen Fanatismus oder in den endlosen Kampf- und Zerstörungsorgien von «Ironman» bis «Transformers». Das alles wird hier ausgeschlachtet, zitiert und liebevoll ironisiert, es wird aufgehoben in einem Film, der eine Anthologie dieser Art Genrekino darstellt.

Für jemanden wie mich, der solche Filme nicht sonderlich mag, ist das natürlich ein phantastisches Preis-Leistungsverhältnis: In 140 Minuten praktisch die Highlights aus vierzig Jahren Filmgeschichte, elegant und witzig verknüpft, und als Zugabe eine grandiose Hommage an Kubricks «Shining», für die der Meister sich etwas säuerlich hätte bedanken müssen.

Aber auch die Liebhaber solcher Filme und Computerspiele («Gamer») kommen auf ihre Kosten, es gibt großartige, auch nicht zu lange Verfolgungs- und Verschrottungsfahrten, genügend Kampf- und Ballerszenen; King Kong tritt auf, Mecha-Godzilla, der Gigant aus dem Weltall, sogar ein DeLorean! Souverän und kenntnisreich werden die Mythen der Film- und VR-Geschichte nacherzählt, es ist also durchaus von Vorteil, ein Nerd zu sein und zu wissen, dass «Adventure» das erste Computerspiel war, in dem ein Easter Egg versteckt wurde, oder in welchem Atari-2600-Spiel der große Erfinder Halliday (ganz wunderbar Mark Rylance, eine Mischung aus entrücktem, leicht verblödetem Internetgenie und dem späten Andy Warhol) den letzten Schlüssel versteckt hat.

Vielleicht ist der Film zu intelligent, zu liebenswürdig, um ein solcher Erfolg zu werden wie Spielbergs Mega-Blockbuster. Vielleicht ist er zu nostalgisch, zu onkelhaft, auch nicht innovativ genug, möglicherweise hat Spielberg-Vermeer hier sein eigenes Werk nur noch einmal kopiert, kein wirklich neues geschaffen – aber wie gut hat er es gemacht! Für Erwachsene mit Abitur oder gar Großem Latinum, die Popcorn eigentlich nicht mögen und es im Kino des Geraschels wegen sogar hassen, ist «Ready Player One» ein schöner Zeitvertreib und eine kleine Forschungsreise in die geheimnisvolle Welt der Kinder und Jugendlichen, die wir vor so vielen Jahren leider verlassen mussten.

Kurt Scheel

«3 Tage in Quiberon»

Im April 1981 besuchten der «Stern»-Journalist Michael Jürgs und der Fotograf Robert Lebeck Romy Schneider in einem luxuriösen Kurhotel auf der bretonischen Insel Quiberon, wo sie wieder einmal versuchte, sich von ihrer Alkohol- und Tablettenabhängigkeit zu befreien. Schneider hatte schon lange ein Nicht-Verhältnis zur deutschen Presse, die sie immer noch als gefallenen, nach Frankreich «geflohenen» «Sissi»-Star abhandelte. Aber mit Lebeck war sie nach einem etwas mehr als nur professionellen Flirt irgendwie befreundet – also ließ sie die beiden zum Interview zu.

Ihr private Situation war desaströs, sie befand sich in Trennung von ihrem langjährigen Partner Daniel Biasini; ihr vierzehnjähriger Sohn David – dessen Vater Harry Meyen hatte sich kurz zuvor erhängt – wollte nicht mehr bei ihr, sondern bei Biasini leben. Sie hatte Steuerschulden und auch sonst kein Geld mehr, musste drehen, um zu überleben, und also trotz ihrer Presse(ab)scheu Öffentlichkeit zulassen. Eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, wie aus einem Bilderbuch der Lebenskatastrophen geschnitten.

Regisseurin Emily Atef, die mit ihrem Film «Das Fremde in mir» bekannt wurde, der das Schicksal einer Frau mit Wochenbettdepression erzählt, hat das Biopic über diesen einen zugespitzten Moment im Leben der Romy Schneider in schwarz-weiß gedreht. Eine formal-ästhetisch kluge Entscheidung, die Distanz schafft, weil sie unsere Sehgewohnheiten irritiert, und zugleich eine seltsame Nähe, da 30 Jahre alte Erinnerungsbilder – jedenfalls meine eigenen – eher unkoloriert abgespeichert sind. Und natürlich: Auch Lebecks Foto-Serie vom Treffen auf Quiberon ist in schwarz-weiß.

Leider sind Regie und Figurengestaltung ebenfalls ziemlich schwarz-weiss. Es gibt ein zu klares Gut und Böse. Robert Gwisdek konturiert Michael Jürgs als super coolen Inquisitor, der kaum Empathie zeigt – was eigentlich die bessere Voraussetzung für ein Interview mit einer Künstlerin wäre. «Schauen Sie der Realität ins Auge, Journalisten sind Haifische», sagt er dann auch noch selbstgewiss. Man sieht ein sehr schlechtes, nur scheinbar investigatives Interview. Keine Neugier. Sondern Vorurteil.

Als zu eindimensionale Lichtgestalt daneben Robert Lebeck: Charly Hübner zeichnet ihn als behäbigen Lebemann und perfekten Social-Schmoosing-Experten. Er turnt mit seiner Kamera um den Star herum. Ist immer freundlich. Ein Dienstleister (für Jürgs, für Schneider), aber kein Künstler aus eigenem Vermögen, wie es Lebeck doch eigentlich war. Der Fotograf als Knipser – was sollte eine Romy Schneider an dem finden?

Und auch die ziemlich beste Schulfreundin Hilde aus Salzburg, die von Romy zum Schutz vor der Journaille ins Kurhotel beordert wird und die durch mitgebrachte Mozartkugeln die Jugend-Nähe reanimieren möchte, ist bei Birgit Minichmayr zu sehr rauhkehlig selbstloser Gutmensch, um dessen Vampirismus, das gierige Festsaugen am absturzgefährdeten Ruhm des vermeintlichen Schützlings, erkennbar werden zu lassen.

Biopics leben bekanntlich davon, dass die Besetzung der Hauptperson «gefühlsecht» wirkt. «Die Verlegerin» lebt von Meryl Streep. «The Crown» von Claire Foy. «The Darkest Hour» von Gary Oldman. Entscheidend ist dabei nicht eine äußere Ähnlichkeit mit der dargestellten Person oder die Perfektion der Maske, sondern die Glaubwürdigkeit der Darstellung. Zu große Ähnlichkeit kann sogar von Nachteil sein – so ging es mir jedenfalls mit Helen Mirren in «The Queen», wo immer das Abgleiten in einen Look-alike-Contest bestand.

Marie Bäumers äußere Ähnlichkeit mit Romy Schneider ist so groß und wurde bereits vor vielen Jahren so beschworen, dass ihre Weigerung, die Figur «Romy Schneider» zu spielen, nur zu verständlich war. Sie hat es nun doch getan. Und mit ihrer Darstellung gelingt ein schauspielerisches Wunder, das den ansonsten nicht wirklich bedeutenden Film berührend und sehenswert macht. Bäumers Grundhaltung: keine Mimikry, sondern Mimesis. Nicht auftrumpfende Ähnlichkeitsmaximierung, sondern nachahmende Annäherung an einen fremden Körper & Kopf. Die Ähnlichkeit ist und bleibt frappierend, aber sie wird nicht zum Trompe-l’œil, sondern ermöglicht viel spannendere Erkenntnisse – gleichsam: Wie unterschiedlich doch Zwillingsschwester sein können!

Wie macht sie das? Marie Bäumer zeigt ihre Romy Schneider mit nach innen schauendem Gesicht. Wenn die «echte» Romy Schneider ein Star der Nah-Aufnahme war, dann ist Marie Bäumer Expertin in der sichtbaren Annäherung an einen Mythos, eine Ikone. Wobei diese Annäherung eine nochmal gedoppelte ist, denn Bäumer zeigt ja für die Filmkamera eine Schneider, die sich wiederum für eine Fotokamera zeigt. Und bei diesem – im besten brechtschen Sinne – «Vorgang des Zeigens» nicht zu erstarren, sondern immer lebendig zu bleiben mit einer handwerklich hergestellten Melange aus Heiterkeit und Melancholie, das ist ein ganz besonderes darstellerisches Vermögen.

Sobald der Film Marie Bäumers Gesicht, das Romy Schneiders Gesicht denkspielt, verlässt, wird er eher harmlos. Über allem aber steht die große Frage: Warum sind Schauspieler so: Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs? Wenn sie große Schauspieler sind, dann trifft eine Veranlagung einen Beruf. Wird Berufung. Immer absturzgefährdet. So kann dann auch das Portrait einer Schauspielerin als haltloser Mensch dem Zuschauer Halt geben in seiner Verehrung der kreativen Grenzgängerei. «Es ist mir egal, wie man mich sieht. Nur mich selbst so zu sehen, ist mir unerträglich», sagt Romy Schneider in «3 Tage in Quiberon».

Jetzt wünschen wir Marie Bäumer einen wirklich großen Film, damit sie nicht als Romy zur Sissi wird...

Michael Merschmeier