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Filme und Serien #4

«Lady Bird»

«Lady Bird»

Eigentlich heißt sie Christine, aber der Name ist ihr zu langweilig, zu spießig, außerdem haben fremde Menschen ihn ihr gegeben, ihre Eltern nämlich, sie will jedoch endlich selbstbestimmt leben, ihre eigene Schöpfung sein. So beginnen Künstlerlegenden, aber es klingt auch einleuchtend für eine ambitionierte Siebzehnjährige, die bald ihren Highschool-Abschluss machen und dann auf ein gutes College gehen will, am liebsten an der Ostküste, so etwas wie Yale (aber nicht direkt Yale, dazu sind ihre Noten nicht gut genug, das weiß sie). Hauptsache raus aus Sacramento!

Christine – Entschuldigung: Lady Bird (Saoirse Ronan) ist eigenwillig und widerspenstig und überkreuz mit ihrer Mutter, ihren Geschwistern, ihren Lehrern, ihrem Leben, also alles soweit ganz normal. Allerdings sind ihre Talente möglicherweise kleiner als ihre Ambitionen, das ist in diesem Alter ja üblich, sie ist auch nicht besonders schön, sie ist etwas exzentrisch, schlagfertig, furchtlos und dreist, bei einem Streit mit ihrer Mutter (Laurie Metcalf) lässt sie sich vor Wut aus dem fahrenden Auto fallen und bricht sich den Arm.

Lady Bird will viel, die Welt soll es ihr geben, sie ist es ihr schuldig! Die Welt aber denkt überhaupt nicht daran, der Vater wird arbeitslos, die Mutter, Krankenschwester, schiebt permanent Doppelschichten; man lebt sowieso, wie Lady Bird realistisch feststellt, nicht nur metaphorisch auf der falschen Seite der Geleise (siehe auch Marilyn Monroe und Jane Russell: «We’re just two little girls from Little Rock, / we lived on the wrong side of the tracks»), also lügt sie ein bisschen herum, verschleiert ihren sozialen Status und guckt sich ein Haus im besseren Viertel aus, um sich bei der Highschool-Queen einzuschleimen; sie verrät sogar ihre (übergewichtige) beste Freundin für die neue Clique, eigentlich unverzeihliche Dinge. Aber trotzdem schauen wir unserer etwas verdrehten Lady Bird gern und sympathetisch zu.

Denn wir erkennen uns in ihr wieder, in der verblüffenden Selbstsucht einer normalen Siebzehnjährigen, dem ganzen Durcheinander, dem Wunsch, dass es nun endlich mit dem Sex und den Drogen und ALLEM losgehen soll! Das ist sehr vertraut aus unzähligen Coming-of-Age- und College-Filmen, die zumeist komisch-ordinär die Schwierigkeiten und Peinlichkeiten dieses Lebensalters inszenieren. «Lady Bird» (2017, Regie und Drehbuch Greta Gerwig) ist aber anders, ist etwas Besonderes, und zwar gerade dadurch, dass der Film seiner Heldin entspricht, die eben gerade nichts wirklich Besonderes zu sein scheint. 

Will sagen der Film hat kaum einen Plot, keine irgendwie witzige oder überraschende Handlung, er tut so, als sei er aus der Perspektive der teilnehmenden Beobachtung gedreht: Nun macht mal, sagt die Regisseurin, was ihr eben so macht, 2002 in Sacramento; lasst euch durch uns nicht weiter stören, wir schauen nur zu und filmen das, und dann sehen wir weiter. 

Das ist ein riskantes Unterfangen, man braucht sehr gute Schauspieler, vor allem braucht man Mut, wenn man nicht mit raffinierten Drehbuchwendungen oder brillanten Dialogen das Publikum bei Laune halten kann. Da war es nötig, dass Greta Gerwig den Ort und die Zeit sehr gut kennt, dass der Film also autobiographisch grundiert, aber kein Bio-Pic ist. Dem Film und dem Leben von Lady Bird sehe ich aufmerksam und gerührt auch deswegen zu, weil er bei aller Ruhe, aller Geduld, allem Vermeiden des Spektakulären nicht langweilig oder pädagogisch ist – er ist beiläufig, und er ist klug, indem er sein Personal ernst nimmt, es nicht für einen schnellen Gag opfert, und auch, indem er Klischees meidet: Die Sexszenen sind weder grotesk noch kitschig; die katholische Highschool mit ihren Nonnen und Priestern wird nicht der Lächerlichkeit preisgegeben; die Schul-Queen ist vorschriftsmäßig arrogant, aber keine diabolische Zicke, sie lässt Lady Bird nicht einmal dann fallen, als deren soziale Hochstapelei auffliegt. Und der wunderbare Soundtrack von Jon Brion verbindet elegant die hart, unverbindlich geschnittenen Sequenzen des Films.

Zwei Szenen zeigen deutlich, wie souverän und taktvoll die Regisseurin ist: Als Mutter und Tochter sich schließlich im Streit getrennt haben, fährt die Mutter dann doch, tränenüberströmt, zum Flughafen zurück, man befürchtet das Schlimmste, aber Lady Bird ist schon abgeflogen, es gibt keine rührselige Wiedervereinigung. Und als die angehende Studentin, gerade in New York angekommen, nach einem schlimmen Besäufnis (Freiheit!) reuevoll und verwirrt in die Kirche geht, wird das nur angedeutet, aber nicht ausgewalzt und moralin ausgeschlachtet, es muss kein Kitschalarm ausgelöst werden.

Wenn sie dann zu Hause anruft, bei den Eltern in Sacramento, und als «Christine» auf den Anrufbeantworter spricht, ahnen wir, dass wir uns keine großen Sorgen mehr um sie machen müssen: Sie wird ihre Ambitionen und ihr Talent schon irgendwie auf die Reihe kriegen – Greta Gerwig, die Schauspielerin, in die man in «Frances Ha» und «Damsels in Distress» ein bisschen verliebt war, hat’s ja auch hinbekommen, nicht zuletzt mit diesem Film «Lady Bird», jetzt als Regisseurin.

Kurt Scheel