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Medientipps #2

«Technicolor», «das ewige rätsel»

«Technicolor»

«Technicolor» stand einmal für die übernatürlichen Farben in Großmutters Kino. Gibt's nicht mehr. Überholt ist auch Opas Vinyl samt Video- und Tonbändern. In diesem Clip überholt der Schnellläufer und Gymnastiker Robert Maaser die Zeit und trifft in der schwarz-weißen Vergangenheit eines alten Hauses auf Sarah Grether, einst Tänzerin am Stuttgarter Ballett. Standesgemäß hochgeschossenes Bein und gut trainierter Bauchmuskel münden in Zeitlupe und schnellen Schnitten in einen 15-köpfigen Tänzer-Rave, choreografiert von Tatiana Mejia. In einer Lichtkammer – für den einstigen Fotografen beim Staatsballett Berlin und heutigen Filmemacher Rico Mahel offenbar Zeichen für die digitale Welt – erhalten die Tänzer Bienenmasken, unter denen sie emsig mit dem Hammer zum Sound der Berliner Elektroformation Lunakid den alten Tonträgersalat traktieren. Chill-out für die Augen.

Arnd Wesemann

«Das ewige Rätsel»

«Wirf dies ererbte Grau’n von Dir», kalmiert der Sensenmann in Hugo von Hofmannsthals «Der Tor und der Tod». Denn: «Ich bin nicht schauerlich, bin kein Gerippe! / Aus des Dionysos, der Venus Sippe / Ein großer Gott der Seele steht vor dir.» Das gibt dem Toren Zuversicht. Und es trifft sich mit der im Booklet von Johannes Martin Kränzles Album «Das ewige Rätsel» gestellten Anleitung, der Endlichkeit ins Auge zu blicken. Wodurch man nicht nur an Bewusstheit und Einsicht gewinne, sondern darüber hinaus an Demut, Dankbarkeit, Gelassenheit, Humor. 

Solch «ererbtes Grau’n» befällt auch Hofmannsthals prominentesten Toren, den Jedermann. Frank Martin (1890-1974), heute eher an den Rand der Rezeption geraten, hat die Monologe aus dem «Leben und Sterben des reichen Mannes» 1943 in die für ihn so typische, suggestiv-herbe, seltsam verfremdete, calvinistische Strenge nahelegende Musiksprache gehüllt. Der von Trotz und Auflehnung über Bangen und Hoffen zu Ergebenheit führende Zyklus bildet quasi die Spindel dieses Recitals und könnte auch als persönliches Zeugnis Kränzles gelesen werden. Denn bei ihm war vor drei Jahren eine lebensbedrohende Knochenmarkserkrankung festgestellt worden; durch ein Wunder (und die Blutspende seines Bruders) kam er wieder ins Leben und auch auf die Bühne – nicht zuletzt jene auf dem Grünen Hügel – zurück. Doch Kränzle sucht in seinen Interpretationen allzu autobiografische Anspielungen auf diese traumatische Dia­gnose wohl zu vermeiden. Er interpretiert mit Stimmgewalt, zugleich großer Sensibilität und kristallener Diktion, kommt dabei quasi aus der Mitte der Monologe – aber eben nicht als Selbstdarsteller, sondern als mit Energie kommentierender Beobachter.

Am Anfang des Recitals spricht die jiddische Folklore, stellt zunächst die «alte Kasche» (Frage) nach den letzten Dingen: «Trala trari ridirom?» Und gibt sich selbst die Antwort: «Tradiridirom!» Zu ähnlich lautmalerisch absurdem, Dada-nahem Ergebnis kommt dann «L’énigme éternelle» aus den «Deux Mélodies Hébraïques» von Maurice Ravel. Diese stehen am Schluss des Albums – in Symmetrie zu den «Zwölf Liedern nach alten jiddischen Weisen» von Richard Rudolf Klein, mit denen es beginnt. Den Zyklus des 2011 verstorbenen, eher Eingeweihten bekannten Komponisten und Hochschullehrers in Frankfurt/Main hatte der Bariton bereits 1985 uraufgeführt, als er noch Student an der dortigen Musikhochschule war. Die Lieder bilden das pralle Leben im jüdischen Schtetl des aschkenasischen (Ost-)Europa ab, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt und von jenem Humor, der so charakteristisch für das jüdische Volk ist. So würden Bilder von Chagall klingen. Kränzle malt das sozusagen in Öl wie in Pastell, singt mit unbändiger Lust, großem Feingefühl, zugleich ohne alle Sentimentalität. 

Ähnliches gilt für seine Auslegung von Wunderhornliedern Gustav Mahlers. Und auch hier übt der Bariton subtile Distanz. Er erfühlt, pars pro toto, Todesangst und Bitterkeit des als Deserteur zum Tode verurteilten Tamboursg’sellen mit einer Intensität, die ans Herz greift – aber er ist der Junge nicht. Er stellt starke Charaktere auf die Hörbühne, jedoch – im Sinne einer Teichoskopie – ohne falsches Pathos. Kränzles langjähriger Klavierbegleiter Hilko Dumno, substanziell unverzichtbarer Partner bei dessen Liedinterpretationen, belegt mit seinem klug pointierten Spiel, dass die Klavierfassungen von Gustav Mahlers Liedern in ihrer ganz eigenen Farbigkeit etwas völlig anderes sind als ein Particell in Reinschrift, dessen Ziel in einer Orchestrierung liegt. Ein wunderbares Album.

Gerhard Persché

das ewige rätsel
Johannes Martin Kränzle (Bariton), Hilko Dumno (Klavier)
OEHMS Classics OC 1887