Inhalt

Filme und Serien #3

«The Fall»; «Sullivans Reisen»

«The Fall» mit Gillian Andersson

Ein ganz in schwarz gekleideter, maskierter Mann steigt in ein Kellerfenster ein. Lautlos, gelassen, aber bedrohlich kommt er die Treppe hinauf. Durch das dunkle Schlafzimmer betritt er das Badezimmer und bleibt dort vor dem Badezimmerspiegel stehen, knipst das Licht an und zieht sich die Maske vom Gesicht. Für einen Moment wird der schwarze Stoff der Maske über die Kameralinse gezogen, und für genau diesen einen Moment wird der Zuschauer zum Serienmörder Paul Spector und blickt gemeinsam mit ihm in sein Spiegelbild. Die Rolle des Voyeurs, die der Zuschauer sonst in ähnlichen Szenen dieses Genres einnimmt, wird gleich zu Beginn der brillanten britischen Serie neu definiert. 

Im Verlauf der ab 2013 für die BBC produzierten und von Alan Cubitt entwickelten Serie «THE FALL – Tod in Belfast» wird man dem von Jamie Dornan gespielten Spector sehr nahe kommen. Man wird ihm dabei zusehen, wie er seine Kinder zu Bett bringt, wie seine Gewaltfantasien sein Leben bestimmen, wie er seine Opfer auswählt und tötet – und wie er kurz davor steht, die Kontrolle zu verlieren.

Das eigentliche Machtzentrum der Serie ist aber die von Gillian Andersson («Akte X»)  gespielte Ermittlerin Detective Sergeant Stella Gibson. Aus London eingeflogen, soll die anerkannte Spezialistin den Ermittlungen die richtige Richtung geben und den gefürchteten «Würger von Belfast» jagen. Man erkennt schnell, dass Stella Gibson so gradlinig ermittelt, wie sie allmorgendlich ihre Bahnen im Schwimmbecken zieht. Vom Polizeipräsidenten, mit dem sie eine gemeinsame Vergangenheit verbindet, und von ihren männlichen Kollegen wird Stella wiederholt geprüft, ob sie im Stande sei, den psychischen Anforderungen, die der Fall an sie richtet, gerecht zu werden.

Gillian Andersson spielt Stella reduziert und mit sanfter Stimme. Anfangs ist man ähnlich wie die Männer um sie herum geneigt, sie für unterkühlt zu halten. Im Handlungsverlauf zeigt sich aber der Grund dafür: Sie ist nicht nur ein Workaholic, sondern sie weiß auch, warum sie in der männerdominierten Polizeiwelt ihre Emotionen zurückhält. Immer wieder eilen ihr männliche Kollegen zur Hilfe, wenn sie glauben, der Fall könne Stella überfordern. Ironischerweise ist es aber sie, die als einzige Kontrolle und Überblick in den von Pannen gezeichneten Ermittlungen behält.

Klug und mit hoher emotionaler Intelligenz nähert sich Stella Schritt für Schritt dem Serienmörder; eine ähnlich überlegene Frauenfigur wird man lange suchen müssen, und Gillian Andersson verleiht ihr großes Format. 

An einem Tatort trifft Stella einen jungen Kommissar und gibt ihm ohne Umschweife und mit eindeutiger Intention die Zimmernummer in ihrem Hotel. Später sieht sich Stella während ihrer Ermittlungen genötigt, vor einem ranghohen Kollegen diesen One-Night-Stand zu rechtfertigen. Die Frage, wie lange sie den jungen Kommissar denn kenne, steht im Raum. Eine nicht-emotionale Verbindung ihrerseits wird von vornherein ausgeschlossen – Frauen machen ja so etwas nicht. Wie Stella daraufhin ihrem Vorgesetzten dessen klischeebefrachtetes Frauenbild kurz und prägnant vor Augen führt, ist eine bemerkenswerte Szene.

Alan Cubitt schrieb schon die Drehbücher für Helen Mirrens legendäre Ermittlerin Jane Tennison in «Prime Suspect» (1992). Sie war eine der ersten weiblichen Kommissare im Fernsehen überhaupt. Sexismus am Arbeitsplatz war vor allem in den ersten Folgen der wichtige Subtext der Krimi-Handlung. Über zwanzig Jahre später ist die Thematik so aktuell wie damals. 

Zu gleichen Teilen widmet sich die Serie dem Serienmörder und der Ermittlerin. Die Szenen der beiden Protagonisten werden gegeneinander geschnitten – Stella in ihren Ermittlungen; und Paul Spector im familiären wie beruflichen Alltag als Trauerberater. Das ist nicht nur spannend erzählt, sondern bedient zugleich mehrere Erzählstränge; der Zuschauer ist auch gezwungen, ständig seine eigene Haltung in diesem dramaturgischen Katz- und Mausspiel zu überprüfen. 

Eine derart wertfreie, fast klinische Studie der Psyche eines Serienmörders ist selten zu sehen in Genre-Thrillern. Die Nähe zu Spector erweckt durchaus Empathie für ihn als Familienvater; und trotzdem ist man sich in jedem Moment seiner kranken Psyche bewusst und der Gefahr, die von ihm ausgeht. Eine gelungene Gradwanderung.

Jamie Dornan («Fifty Shades of Grey») spielt den getriebenen Mörder mit einheitlich stoischem Gesichtsausdruck; man kann jedoch sein Aggressionspotenzial förmlich spüren. Es gelingt dem Schauspieler, der Figur ein faszinierendes Profil zu geben, das trotz der bewusst eingesetzten Attraktivität Dornans nie manipulativ wirkt.

Die drei Staffeln der spannenden und vielschichtigen Serie bestechen durch unkonventionelle Wendungen; und es findet sich trotz der Konzentration auf die beiden Protagonisten die nötige Zeit, auch Spectors Opfer in den Fokus zu rücken. Alan Cubitt ist mit «The Fall» aber ein gleichsam feministischer Thriller gelungen, in dem die Figur Stella Gibson als politisch relevante Figur im Zentrum steht. 

Michael Banzhaf

Sullivans Reisen

«Mein Film», sagt der Regisseur, «soll ein Kommentar zu den modernen Daseinsbedingungen werden; krasser Realismus; die Probleme, die Durchschnittsbürger wirklich berühren.» Produzent: «Mit ein bisschen Sex darin.» Regisseur: «Ich möchte etwas machen, das die Möglichkeiten des Films als soziologisches und künstlerisches Medium verwirklicht.» Produzent: «Mit ein bisschen Sex drin.»

Ist der ewige Konflikt zwischen Kunst und Kapital jemals prägnanter auf den Punkt gebracht worden als in «Sullivan’s Travels» (1941, Buch und Regie Preston Sturges)? Und zwar in Dialogen, die so witzig sind und so rasant vorgetragen werden, dass sie auch heutzutage noch überraschen und zünden?

Produzent und Regisseur einigen sich schließlich darauf, dass Sullivan (Joel McCrea), der ein paar sehr nette und erfolgreiche Hollywoodkomödien gedreht hat, für sein anspruchsvolles sozialethisches Herzensprojekt «O Brother, Where Art Thou?» (es geht da um die feindlichen Brüder namens «Arbeit» und «Kapital») eine Recherchereise unternimmt, als Tramp verkleidet, um das Leben der Armen aus der Nähe zu studieren. (Als sein Butler ihn in der Verkleidung sieht, sagt er: «Ist das nicht ein bisschen übertrieben, Sir? Wollen Sie einen Stein erweichen?» – von solchen wunderbaren Sprüchen wimmelt es im Film!)

Sullivans Suche beginnt als klassischer Slapstick mit dem Demolieren von Geschirr und Autos, man fällt auf den Hintern oder in eine Regentonne oder in einen Swimmingpool (zweimal!). Dann lernt er eine sehr hübsche und schlagfertige Frau kennen, eine Möchtegernschauspielerin (Veronica Lake, das ist dieser Star mit dem «peek-a-boo bang»: langes blondes Haar, das ein Auge verdeckt), die ihm in einem Diner eine Mahlzeit spendiert; zwischen den beiden funkt es, und schließlich darf sie ihn auf seiner Wanderschaft begleiten (allein, sagt sie, streetwise und frech, sei das viel zu gefährlich für einen Naivling wie ihn); und nun mutiert der Film zu einer der allerbesten Screwball-Comedies, um schließlich ein regelrechter sozialkritischer Film zu werden, der mit Anteilnahme und ohne Herablassung die Armen zeigt, die Hobos und Tramps und Okies in ihren Zeltlagern und Bretterbuden, samt Armenspeisungen und Obdachlosenbaracken, Schmutz und Gemeinheit und Verzweiflung.

Der verwöhnte, wohlmeinende Regisseur lernt gerade, dass seine romantischen Vorstellungen falsch sind: Vielleicht schändet Armut nicht, sie adelt aber auch mitnichten! Da passt es gut, dass ihn ein Landstreicher überfällt und niederschlägt. Sullivan verliert sein Gedächtnis und wird als «gewalttätiger Tramp» in einem haarsträubenden Prozess zu sechs Jahren Zwangsarbeit verurteilt; und nun übt der Film tatsächlich und völlig unironisch Kritik am amerikanischen Justizsystem und seiner Brutalität! Ich kenne keinen Film, der so schnell und gekonnt seine Genres wechselt, sein Tempo, seine Erzählweise: Aus der Farce wird ein Melodram, ohne dass der Film in Einzelteile zerfiele.

Die Kernszene, die schwierigste, gefährlichste zeigt eine Filmvorführung in der Kirche einer Schwarzen-Gemeinde; der rundliche Reverend ermahnt nach dem Gottesdienst seine Schäfchen, freundlich zu den Mitbrüdern zu sein, die nun gleich kommen werden, sie auch nicht anzustarren; dann singt er, schön und volltönend, das Spritual «Go Down Moses», mit dem Refrain «Let my people go», und die Häftlinge marschieren in die Kirche, aneinander gekettet, müde und finster. Das Licht wird gelöscht, die Vorstellung beginnt: Micky Maus! Und aus den abgehärmten, gefährlich aussehenden Verbrechern werden wieder Menschen, lachende Menschen, sie wiehern geradezu über den Hund Pluto und seinen Kampf mit einem klebrigen Fliegenpapier und der Tücke des Objektes. Sullivan kann es kaum glauben, das ist doch nur Quatsch und Jux, praktisch Fun als Stahlbad – aber dann muss er mitlachen, die Schwarzen, die Sträflinge, die fiesen Wärter und auch der Hollywoodregisseur, alle vereint im gemeinsamen Gelächter!

Eine wirklich heikle Szene, weil sie haarscharf am Kitsch, das heißt an der Lüge vorbeischrammt, erpresste Versöhnung nannte Adorno so etwas. Es ist aber die Botschaft eines Films, der sich über Filme und Regisseure mit Botschaften lustig macht, über Prätention und Kunstgetue, unsere alten Feinde; eines Films, der immer wieder in komischer, brillanter Weise gegen seine eigenen Thesen verstößt; der also keineswegs dekretiert, man dürfe nur nette, kleine Hollywoodkomödien machen (mit ein bisschen Sex darin).

Am Schluss, wenn Sullivan befreit und rehabilitiert ist, erklärt er, dass er «O Brother, Where Art Thou?» doch nicht drehen wolle (das haben dann später die Coen-Brüder getan, auch als Hommage an Preston Sturges, der viele ihrer Filme inspiriert hat), sondern eine Fortsetzung von «Lustig und froh in Heu und Stroh», seinem bisher größten Erfolg. «Wir sollten die Leute zum Lachen bringen. Es ist nicht viel, aber es ist nicht nichts» – lautet das Fazit, und es stimmt, aber das sagt Sullivan! Der Film «Sullivans Reisen» ist klüger, weiser als sein Protagonist, vielleicht sogar als sein Regisseur Preston Sturges, denn sein komisches Meisterwerk über die «Möglichkeiten des Films als soziologisches und künstlerisches Medium» hat uns gerade gezeigt, dass eine wirklich große Komödie (davon gibt es nicht so viele) alles umfassen kann, Slapstick und Screwball und Melodram und Sozialkritik, lautes Gelächter und tiefe Erkenntnis: das ganze Leben. 

Kurt Scheel