Sie waren 21, als Sie das Ensemble Pygmalion gründeten. War das damals ein großes Risiko?
Nein. Wir waren ja damals Studenten. Es gab also auch keinen Erfolgsdruck. Wir hatten Freude daran, etwas komplett Neues zu erfinden. Vielleicht war es seltsam und etwas überambitioniert, ein Projekt über Liebe und Narrheit an den Anfang zu stellen – und das mit 25 Choristen und 25 Instrumentalisten. Wir haben also nicht klein begonnen und uns Schritt für Schritt vergrößert. Ich wollte es gleich in dieser Dimension haben. Das war vielleicht der einzige Druck: Irgendwann mussten wir ja alles über Konzerte finanzieren. Anfangs schauten die Leute schon etwas befremdet auf uns und unsere Programmatik. Vor allem, weil wir Bach in den Mittelpunkt rückten. Französische Musikerinnen und Musiker spielen eigentlich kaum Bachs geistliches Repertoire. Denken Sie nur an William Christie, Marc Minkowski oder Christophe Rousset. Man überlässt das bei uns gern deutschen, britischen oder holländischen Gruppen.
Gibt es überhaupt einen französischen Interpretationsstil? Sei es im Barock oder in anderen Epochen?
Interpretationen weiterzuentwickeln, die Tiefe der Musik zu ergründen, das alles hat doch eigentlich nichts mit nationalen Dingen zu tun. Wichtig ist vielmehr, eine eigene interpretatorische Persönlichkeit zu finden. Aber gut, vielleicht gibt es trotzdem eine Art französischen Stil. Eine besondere Emphase, ein Interesse an Transparenz.
Es fällt auf, dass Ihr Chor sehr gut Deutsch singt. Sprechen Sie Deutsch? Oder tun das viele Ihrer Choristinnen und Choristen?
[wechselt vom Englischen ins Deutsche] Ich verstehe Deutsch ganz gut. Ich kann es lesen, aber nicht so gut sprechen. Ein Desaster. Aber ich arbeite daran. [wieder Englisch] Ich habe mich ins Deutsche verliebt. Es hat eine eigene Musik. Italienisch klingt natürlich, irgendwie großzügig. Das Deutsche dagegen hat manchmal diese besondere Explosionskraft, diese Energie, einen faszinierenden rhythmischen Aspekt, dazu diese Farben ... Wenn man für sich entdeckt, wie Bach die Sprache gerade in den Motetten behandelt, wenn man mal ohne Noten ausprobiert, wie hier Rhythmus entsteht, spürt man das perkussive Potenzial dieser Musik.
Auffallend ist auch, dass Sie einen kraftvollen, breiten, offensiven Klang zulassen – ähnlich wie John Eliot Gardiner. Ihr Ensemble wirkt nicht so «vegetarisch» wie andere der Alte-Musik-Szene. Bringen Sie das Drama, die Theatralik in dieses Genre zurück?
Nicht nur bei Bach gibt es keine Note, keinen Takt, der nicht Drama ist. Auch jedes Stück von Mozart ist Theater. Drama ist überall. Als ich damals Gardiners Bach-Pilgrimage verfolgte, seine zyklische Aufführung aller Bach-Kantaten zur Jahrtausendwende, war das wie ein Schock. Ich begriff, wie direkt und emotional man Bachs Musik aufführen muss. Noch immer sind ja viele der Auffassung, man dürfe Bach quasi nicht berühren, weil er etwas Heiliges ist. Wir sollten aber begreifen, dass diese Musik etwas zutiefst Menschliches transportiert. Sie kann also auch kraft- und glutvoll sein.
Das gesamte Interview von Markus Thiel lesen Sie in Opernwelt 3/22