Zwischentöne
Die Schauspielerin Julia Bartolome
Julia Bartolome ist ohne große Umwege am Sprechtheater gelandet. Wenngleich zunächst eher der Zufall mitspielte. Ein guter Freund hatte sich an der Schauspielschule in Graz beworben, da ging sie einfach mal mit. Und wurde genommen. «Hinter den sieben Bergen», wie sie heute sagt: Nach Graz kommt man nicht so einfach, und man kommt vor allem sehr schlecht wieder von dort weg. Sie wurde nach der Ausbildung engagiert, lernte und spielte, unter anderem in Cornelia Crombholz’ Inszenierung von Garcia Lorcas «Bluthochzeit», und ließ sich von erfahrenen Kolleginnen sagen, dass die Angst vor jeder Vorstellung nie aufhört und auch etwas zu tun hat mit Respekt, den man der Kunst und dem Publikum entgegenbringt. Noch heute ist sie aufgeregt vor jedem Auftritt, und immer noch ist ihre große Sorge, ob das, was sie da spielt und spricht, auch ankommt bei den Zuschauern, die nur wenige Meter von ihr entfernt sitzen. Und hoffentlich nicht nur unterhalten werden wollen.
Wenn sie da sitzen. Im Nürnberger Schauspielhaus gelten gerade mitten in der Pandemie und zwischen zwei Lockdowns, die auch diesen Betrieb ganz lahmlegten, diese 25 Prozent, das heißt: Im großen Saal verteilt sich schütter eine Handvoll Menschen, und es sieht aus, als hätten die alle Furcht voreinander. Für Bartolome ist das schlimm. Sie sagt, dass sie es spürt, wenn da unten gähnende Leere ist, dass sie jeder freie Sessel schmerzt, dass die Beziehung zwischen Agierenden und Konsumierenden flöten geht.
Überhaupt die Pandemie! Ihre letzte WhatsApp war ein Foto mit den zwei berüchtigten roten Positiv-Strichen. Bartolome hatte sich angesteckt, vielleicht bei einem ihrer beiden Kinder, vielleicht irgendwo anders, egal: Die nächsten Vorstellungen mussten gestrichen werden. Quarantäne ist nichts für eine Frau, die quirlig lebt, die auf der Bühne, im Theater und im richtigen Leben ohne den Kontakt mit anderen Menschen schlecht existieren kann. Sie will reden und kann zuhören. Da ist immer eine Spannung zu spüren, das kurze Schweigen ist der Überlegung geschuldet, die den nächsten Satz zu einem wohl formulierten Ungetüm oder zu einer knappen frechen Replik machen kann.
Bartolome spricht nicht nach Drehbuch. Die Freiheit, auch mit stilistisch ausgefeilten literarischen Vorlagen eigenwillig umzugehen, ist ihr wichtig. Fernsehen, Film wären nicht ihr Ding: zu starr, zu exakt getaktet, zu wenig individueller Spielraum. Natürlich fügt sie sich auf der Bühne dem Text, aber sie hat mittlerweile so viel Erfahrung, dass sie den Zwischentönen, dem Versteckten, dem Unausgesprochenen nachspüren kann. Man sah das am besten in einem ihrer großen Erfolge in Nürnberg, als sie 2010 Shakespeares Richard III. spielte. Man folgte ihr vom Winter der Bitterkeit gebannt in den kurzen Sommer der Macht und sah einen verschlagenen, mit Gesten und Worten verwirrenden Verführer. Am Anfang warf dieser Richard (Regie Christoph Mehler) im schlichten dunklen Straßenanzug einen dürren, krummen Schatten an die Bühnenwand, zerbrechlich wie eine Giacometti-Figur; am Ende klebte er verkrampft auf einem schäbigen Küchenstuhl, der ein Thron sein wollte, und Bartolomes müde, zerfurchte Stimme rief nach einem Pferd, für das der Herrscher ein Königreich opfern würde, das er längst verzockt hatte. Dazwischen hatte der ständig präsente Richard die Personen immer nah am Abgrund verschoben und, wenn es ihm nützlich erschien oder gerade aus einer Laune heraus, hinabgestoßen. Dann, am Ziel, war da aber ein seltsamer Widerwillen gegenüber dem eigenen Aufstieg und zweifelhaftem Erfolg zu spüren.
Er pries sich selbst an als Mogelpackung und feixte darüber, dass ihm seine Gefolgschaft auf den Leim ging. Die Morde aber, die er aus schaler Gier und Verletztheit heraus befohlen hatte, ekelten ihn bald an, die Erotik der Macht erlitt er wie unter Opferqualen, das Ende der blutigen Karriere erschien ihm konsequent. Dieses Ungeheuer war sich selbst nicht geheuer. Eine körperlich verwachsene Figur, die sich flugs entkrüppelte, wenn es der Täuschung des Gegners diente, kämpfte da schließlich nur noch gegen einen einzigen Feind: die Einsamkeit. Stolz und selbstbewusst war sie in keiner Sekunde, die beiden Ichs, die in ihr stritten, sprengten ihr Brust und Hirn.
Das gesamte Porträt von Bernd Noack lesen Sie in Theater heute 3/22