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Kein Bombenleger?

Ein Porträt des Schauspielers Bastian Reiber

Bastian Reiber ist ein ernsthafter junger Mann und unterläuft jede Erwartung an die Privatperson hinter seinen exzessiven Bühnengestalten. Unauffällig sein Outfit, sein Gang, sein Blick, ein hochreflektiertes Sprechen, offen und zurückhaltend zugleich. Kein Witzereißer, keine Rampensau, eher leise als laut. Dieser gebürtige Mönchengladbacher, Jahrgang 1985, ist keine offensiv rheinische Frohnatur. Er ist der Dritte von Vieren in einem Elternhaus – der Vater Drucker, die Mutter Managerin einer Arztpraxis – , das er «nicht unbedingt kunstaffin» nennt, wo man aber doch oft gemeinsam ins Kindermärchen geht, ins Ballett, vor allem ins Kabarett. Der kleine Bastian entdeckt früh, dass «Quatschmachen meine Nische in der großen Familie ist, ein Akt der Selbstbehauptung». Schon in der Grundschule spielt er Theater, und auch gleich die Hauptrolle, Rabe Richard, den stärksten Raben der Welt, der sogar Elefanten zum Kampf herausfordert: «Aber nur, weil ich der Kleinste war.»

Früh ist ihm klar, dass er nach dem Zivildienst Schauspieler werden will, ein Berufswunsch, mit dem man «in Mönchengladbach eher belächelt wird». Er ist völlig ahnungslos, aber im «101-Monologe-Buch», der Bibel fürs Vorsprechen, findet er den Monolog des identitätsverunsicherten Sosias in Kleists «Amphitryon», und ein Vorsprechcoach in Neuss schlägt ihm zu seiner Verblüffung den stotternden Kannibalen Bishop in Nicky Silvers «Fette Männer im Rock» vor, eine Witzfigur der finstersten Art.

Er spricht an vier Schulen vor, bei Ernst Busch in Berlin, in München, Bochum und Hannover, und fliegt überall in der ersten Runde raus. Doch dann kommt Leipzig, diesmal versucht er es mit Schillers Ferdinand. Alle gucken auf die Uhr, das Scheitern ist absehbar, eigentlich nichts mehr zu verlieren. Da legt er noch einmal los, mit Bishop – und alle lachen. Er ist drin. Und hat seine Grunderfahrung gemacht: die Freiheit nutzen, die aus dem Nichts kommt.

Von 2005 bis 2009 dauert seine Ausbildung an der Mendelssohn-Bartholdy-Schule, und die ersten zwei Jahre in Leipzig sind «ein großer Krampf»: Er ist «der verweichlichte Wessi, wahnsinnig grün hinter den Ohren», und kriegt dauernd gesagt, dass er «männlicher» werden muss. Denn er hat ja, aus Mönchengladbach kommend, «kein existenzielles Schicksal» wie die Ostler, gestählt im Umbruch. Wie soll so einer einen Bombenleger spielen?

Das gesamte Porträt Bastian Reibers
von Barbara Burckhardt finden Sie in Theater heute 3/20