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Die Stimmen-Expertin

Ein Porträt der Autorin Caren Jeß

Caren Jeß: eine zierliche, in ihren Wintermantel gemummelte Person mit Goldrandbrille, deren ernsthafte, deutlich artikulierte Rede ziemliche Intensität entfaltet. Und die zugleich einen ausgeprägten Sinn für Komik hat, der sich überall entzünden kann – an einer rhetorischen Figur, einer Lautmalerei, Spiegelungen von Text und Bild oder einfach der x-ten Wiederholung der gleichen Situation. Auch bei unserem Treffen in Berlin münden viele ihrer Überlegungen in ansteckendes Gelächter.

In «Bookpink», das Ende letzten Jahres als erstes ihrer Stücke am Schauspiel Graz «richtig» uraufgeführt wurde, fächert die Autorin mit sieben dramatischen Tierfabeln ihren Federschmuck auf, zeigt, dass sie den Soziolekt des Dreckspfaus ebenso drauf hat wie die barocke Kunstsprache der weißen Taube, die sich auf einem hochsommerlichen Campingplatz («Ich gehöre so wenig hierher wie ein Schaumbad ins Planschbecken») in eine Prinzessinnenexistenz mit Kammerzofe und Festbankett träumt und damit zugleich eine Vanitas-Allegorie erzählt.

Mit Raffinesse und aus ungewöhnlichen Blickwinkeln baut sie aus jedem Minidrama ein kleines, funkelndes Kunstwerk, das seinen je eigenen Konstruktionsregeln gehorcht, eine eigene Sprache spricht. Zugleich ist es aber auch Mosaiksteinchen in einem Gesellschaftspanorama, das schier unerschöpflich scheint.

Als eine Freundin sie fragte, ob sie mit ihr zusammen Schreibworkshops in Berliner Knästen geben wolle, sagte sie sofort zu: «Mich interessiert jede Form der Abweichung von normativem Verhalten. Im Knast begegnet man oft Männern mit einer hochpotenzierten Männlichkeit: also im Sinne von Knarre, Kohle, Karre, Banküberfall, ’ne heiße Braut abstauben.» Die Kurse seien «super herausfordernd» gewesen, nicht nur, weil sich immer wieder Häftlinge in die beiden Workshop-Leiterinnen verliebt hätten. «Ist ja klar: Da kommt eine Frau und ist nett, beobachtet und bewertet mich nicht wie eine Knastpsychologin oder Sozialarbeiterin; und erst recht schließt sie mich nicht ein wie eine Beamtin.» 

Das gesamte Porträt der Autorin von Eva Behrendt 
und das neues Stück »Bookpink«
lesen Sie in Theater heute 3/20