Rezensionen 1. März
Zürich: Ligeti «Le Grand Macabre»
Am 2. März im Opernhaus
Kaum sind die Lichter im Saal erloschen, platzen sie aus dem Nichts hervor: die Autohupen, die krass klingen, aber in Rede und Gegenrede ein artiges Ensemble bilden. Der fulminante Einstieg mitsamt seiner Fortsetzung, mit dem Röhren der tiefen Blechbläser und des Kontrafagotts, mit dem Auftritt des dauerbesoffenen Piet vom Fass (Alexander Kaimbacher) und mit der vor nichts zurückschreckenden Fäkalsprache – es ist immer wieder eine Gaudi. Ihren Pfeffer hat diese allerdings verloren. Die zwei amüsante Stunden lang ausgelebte Unanständigkeit von György Ligetis «Le Grand Macabre» aus den Jahren 1974 bis 1977 hat längst Züge hoher Kunst angenommen – und wenn das Stück an einem respektablen Ort wie dem Opernhaus Zürich zur Aufführung kommt, wird die Domestizierung erst so richtig spürbar.
Das muss nicht unbedingt so sein. Vor gut zwei Jahren wurde «Le Grand Macabre» vom Luzerner Theater in einer Weise realisiert, die durchaus etwas von der ursprünglichen Sprengkraft des Werks lebendig werden ließ. Ligetis Oper schwappte damals über alles hinaus: aus dem Orchestergraben in die Proszeniumslogen und auf die Bühne, von dort in den Zuschauerraum. Der engen Verhältnisse im Stadttheater Luzern wegen bildete das enorme Arsenal an Schlaginstrumenten, darunter die vier Autohupen, den einheitlichen Spielort. Und als sein eigener Ausstatter hatte der Regisseur Herbert Fritsch so grelle Farben (der Kostüme) und so wirbelnde Aktionen (der Darsteller) entworfen, dass die Frechheiten, die sich Ligeti in ungebremster Lust ausgedacht hatte, in aller Schärfe wirksam wurden. Übrigens auch musikalisch, was nicht zuletzt auf den Dirigenten Clemens Heil zurückging.
Im Vergleich dazu ist in Zürich alles eine Spur breiter, einen Grad distanzierter. Die Philharmonia, das Orchester des Hauses, sitzt tief unten im Graben und bringt dort eine weit größere Streicherbesetzung ins Spiel, als es in Luzern möglich ist. Das bindet den Klang und mildert ihn – auch wenn sich hie und da Instrumentalisten aus den Logen heraus vernehmen lassen. Dazu kommen die vergleichsweise langsamen Tempi, die der fabelhafte, an die Stelle des ursprünglich angekündigten Generalmusikdirektors Fabio Luisi getretene Dirigent Tito Ceccherini wählt. Sie fördern die Textverständlichkeit, die bei diesem Werk von besonderer Bedeutung ist. Und mehr noch: Die ruhigen Zeitmaße schaffen Raum für genaues Zuhören und das Entdecken der hochgetriebenen Kunstfertigkeit, die Ligetis scheinbar vordergründigen Klamauk trägt. Es ist schon so: Jedes Mal, wenn man dem «Grand Macabre» begegnet, glaubt man sich in nur zu vertrauten Gefilden – und kann doch immer wieder Neues entdecken. Jedenfalls macht die Zürcher Produktion nachhaltig bewusst, dass «Le Grand Macabre» nicht nur scharfsinniger Grand Guignol ist, sondern vor allem als absolutes Meisterwerk gelten darf.
Auch die Regisseurin Tatjana Gürbaca scheint es so zu sehen. Gewiss sorgt sie dafür, dass sich die Figuren einen Abend lang voll ausleben können. Zugleich versucht sie aber, sie ernst zu nehmen und hinter ihre Fassaden zu blicken. Mescalina zum Beispiel ist hier nicht die keifende Domina, die den hilflosen Hofastrologen Astradamors (Jens Larsen) nach Maßen drangsaliert; sie wird vielmehr als zutiefst liebende Frau gezeigt, die mit gewiss etwas eigenwilligen Mitteln ihrem ermatteten Gatten auf neue Sprünge zu helfen sucht. Die Spinne beispielsweise, vor der es Astradamors so offenkundig graust, ist nicht Mescalinas Haustier, sondern ihr Schamhaar, zu dem sie die Hand des schaudernden Gatten führt. Am Premierenabend erhielt das seine besonders pikante Note, weil Judith Schmid, die diese Partie einstudiert hatte, mit einer Grippe ins Bett gesunken war und Tatjana Gürbaca höchstselbst an ihre Stelle trat. Blendend, wie die Regisseurin das mit ihren tänzerischen Fähigkeiten tat. Das Singen allerdings, das überließ sie Sarah Alexandra Hudarew, die als Mescalina schon in der Luzerner Produktion mitgewirkt hatte; äußerst kurzfristig aus der Karibik nach Zürich gekommen, bewährte sie sich dort ohne Fehl und Tadel.
Dennoch geizt auch diese Produktion nicht mit prallen Effekten. Wenn der bedrohliche, sich im Alkohol vergessende Nekrotzar auf der Erde erscheint, entsteigt er einem niedlichen, von zwei Propellern gesteuerten Zeppelin, den Bühnenbildner Henrik Ahr ersonnen hat. Der Boden der Zürcher Bühne gerät bei seinem Auftritt zwar heftig ins Schwanken, doch Leigh Melrose hält sich tapfer und schleudert die Frohbotschaft vom unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang klangvoll in den Raum. Als Fürst Gogo ist der famose Countertenor David Hansen ganz der Nachbar von nebenan (die Kostüme stammen von Barbara Drosihn), während Oliver Widmer und Martin Zysset als die beiden Minister trotz ihres Alphabets der Schimpfwörter etwas brav wirken. Fantastisch dagegen die Norwegerin Eir Inderhaug; sie bewältigt die halsbrecherische Partie des Gepopo virtuos. Wenn sich schließlich inmitten der herausgeschleuderten Warnmeldungen des Geheimdienstchefs das Volk zu Wort meldet, erheben sich im Parkett und auf den Rängen adrett gekleidete Damen und Herren von ihren Plätzen. Es ist der von Ernst Raffelsberger klug vorbereitete Chor, der hier für den vielleicht überraschendsten Einfall des Abends sorgt.
Peter Hagmann
www.opernhaus.ch/spielplan/kalendarium/le-grand-macabre/season_50348/