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Rezension 1. März

Salzburg: Shakespeare «Othello»

Am 1., 26. März, 3., 4., 10. und 23. April am Landestheater

Reginaldo Oliveira, der beim Badischen Staatsballett unter den Fittichen von Birgit Keil sein choreografisches Talent erprobte, ist seit einem Jahr Ballettchef am Salzburger Landestheater – und macht seine Sache gut. Statt Ausstattungsschinken zu inszenieren, setzt er auf dramatische Stoffe in nüchtern gestalteten Bühnenräumen und legt sein Augenmerk darauf, das bewegte Innenleben seiner Charaktere allein mittels Tanz sichtbar zu machen.

Sein choreografisches Salzburg-Debüt gab er mit «Medea – der Fall M». Nun setzt er mit «Othello» nach, einem Kammerspiel auf der von Sebastian Hannak mit grau-beigen Wohn-Quadern möblierten Drehbühne. Ihm gelingt dabei, woran andere gemeinhin scheitern: die handelnden Personen eines abendfüllenden Handlungsballetts tatsächlich wie Menschen aussehen zu lassen. Das ist schon deshalb nicht leicht, weil Oliveira sicherlich die berühmten «Othello»-Versionen von José Limón und John Neumeier im Hinterkopf hat. Seine besondere Gabe ist es, einfache, leicht verständliche Gesten und Bewegungen für komplexe Handlungen und Gefühle zu finden, hier stimmungsvoll aufgeladen von Lera Auerbachs Präludien für Violoncello und Klavier sowie trefflich ausgesuchten Kompositionen der üblichen Verdächtigen Arvo Pärt, Camille Saint-Saëns und Alfred Schnittke.

Dass man in einem stilisierten Venedig ist, erkennt man an den schwarz Maskierten, die einen in viel Alkohol ertränkten Karneval begehen. Hier steht Othello (Flavio Salamanka) und legt dem Cassio (Lúcio Kalbusch) eine Schärpe um. In Sekunden ist das Rachemotiv für den neidischen Augenzeugen Jago (Iure de Castro) klar – die Schmach des Übergangenen. Wenn er wenig später die schwarz bestrumpfte Wade, den Fuß in die Höhe schlängelt, weiß man: In dem haust eine Natter, die ihr Gift sehr gezielt abzusondern weiß. Und dort tanzt Cassio mit der blütenweißen Jungfer Desdemona (Márcia Jaqueline), die dem Othello angetraut werden soll. Der ist ein schmucker Mann im Brokatmantel, der den noblen Auftritt beherrscht und doch zärtlich seiner jungen Braut zugetan ist. Er schenkt ihr einen roten Schal, der bald an Cassios Hosenbund wandert, dem unzüchtig mit Desdemona im Tanze Kreiselnden, während Jagos Gift in Othellos Ohr seine Wirkung tut.

Othello wird als Ausgegrenzter wie auch als Gehörnter laut verlacht. Und man weiß als Zuschauer, vom brutalen Geschehen geschockt, nicht so recht, ob all das real oder nur in Othellos Vorstellung passiert. Diese Ambivalenz mutet Oliveira nicht nur dem Publikum, sondern gefühlsmäßig auch seinem Othello zu. Der erwürgt, hin- und hergerissen zwischen Zärtlichkeit und roher Gewalt, seine todesängstliche Desdemona. Und trägt sie am Ende weinend auf die rauchenden Trümmer seines inneren und äußeren Krieges, nun alles Wertvollen beraubt und so unbehaust wie jeder Kriegsflüchtling dieser Welt.

Eva-Elisabeth Fischer

www.salzburger-landestheater.at