Rezensionen 8. März
Berlin: Maja Zade «status quo»
Am 10., 11., 12. März, 13., 14., 15., 16. April in der Schaubühne
Sie hören nicht wirklich zu, während sie kaugummikauend und viel zu schnell pseudoteilnahmsvoll «ah… ah… ah…» sagen. Sie rücken beim Bewerbungsgespräch so dicht an ihr Gegenüber heran, bis sich die Knie berühren. Sie sitzen entspannt auf dem Sofa, die Beine fallen locker nach außen, und wollen einfach ein bisschen Spaß. Vor allem aber taxieren sie ständig die Männer in ihrer Umgebung, bewundernd, begierig, abschätzend, unverfroren – als gäbe es kein Zurück. Und tatsächlich erwidern die Männer die Blicke der Frauen kaum – es sei denn, sie inszenieren sich gerade eigens dafür, mit hochgeschobenem T-Shirt, einem Tanz oder einem gefühlvollen Song.
Maja Zade, Chefdramaturgin an der Berliner Schaubühne, hat mit «status quo» ein Stück über einen jungen Mann – Florian – in drei Berufsanfängersituationen geschrieben. Florian heuert in einem Maklerbüro an, er spricht bei der Filialleiterin einer Drogerie vor, und er bewirbt sich als Schauspieler am Theater. Dabei trifft er überall auf Chefinnen, die ihn engagieren, ohne ihn sonderlich ernstzunehmen, ihn sofort zum «Flo» verniedlichen und auch sonst nach Kräften signalisieren, dass ihr Verhältnis zum neuen Mitarbeiter keine Grenzen kennen wird. Hinzu kommen die realen und vermeintlichen Ansprüche von Partnerinnen und Konkurrenzkämpfe mit Kolleginnen und Kollegen: Egal in welchem Milieu, die Florians stehen unter Stress.
Der Clou an Zades ordentlich psychologisch-realistischem, ein bisschen boulevardesken Stück liegt auf der Hand: Verkehrte Welt soll Erkenntnis stiften; Frauen und Männer haben die Rollen und mal nicht nur die Kleider getauscht. Klar auch, dass statt von «man» hier ständig von «frau» die Rede ist, dass die Kerle sich dauernd entschuldigen und sich die Frauen, muhaha, auf «Mad Women» berufen.
Dazu gehört, dass in der Uraufführung – inszeniert von Marius von Mayenburg, der zwar Mann ist, in einem Text auf der Homepage jedoch als «nettester» Regisseur Berlins gepriesen wird – das Verhältnis von Männern und Frauen bei zwei zu drei liegt und auf die Unterstützung eines Souffleurs zurückgreifen kann. Jule Böwe spielt auf den zwei Ebenen von Magda Willis mit bunten Fliegenfängervorhängen geschmückter Bühne drei raumgreifende Chefinnen, am überzeugendsten die Drogeriequeen Daniela im ärmellosen Kittel über dem Fatsuit: Sie war früher bei «Schschschlllecker» und spricht das genauso obszön aus, wie sie es meint. Böwes weibliche Bosse zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Ruhe weghaben, Zeit ist ihre Währung, und sie verfügen lässig darüber. In der beklemmendsten Szene des Abends nötigt Böwes Daniela Moritz Gottwalds Florian, ihn zwecks «Produkttest» mit einer Lotion einzucremen, dabei seinen Körper ausführlich anzufassen und zu kommentieren. Welches Produkt wird hier wirklich getestet? Dass Flo unwillkürlich sein Shirt vor die Brust drückt, als gelte es Brüste zu verdecken, ist da nur allzu verständlich.
Nicht minder offensiv haben sich Jenny König und die TV-Comedy-erprobte Marie Burchard männliche Gesten angeeignet. Ob Burchard als gönnerhafte Partnerin von Makler-Flo in Doppelripp und Adiletten («Du brauchst nicht immer zu kochen, du kannst uns auch was zu Essen bestellen, ich verdiene ja genug») oder König als bebrillt-besitzergreifende Freundin des Drogerie-Florians oder, besonders schön, als dreadlockige Technikerin im Theater: Man sieht den Spielerinnen den großen Spaß am Perspektivwechsel an. Lukas Tutur kehrt als Maklerbüro-Sekretär in Shorts genervt die Kekskrümel hinter ihnen auf oder bekräftigt als best friend wohlmeinend, was den mittlerweile in seine Regisseurin verliebten Bühnen-Flo umtreibt. Moritz Gottwald schließlich windet sich schlaksig in Selbstzweifeln und Überforderung, wenn er nicht gerade mit innigen Songeinlagen von Toni Braxtons «Unbreak my heart» bis Tina Turners «Private dancer» beeindruckendes Stimmtalent unter Beweis stellt.
Dafür, dass die Pointe des Abends schon in der ersten Szene verraten wird, kitzeln Zade und Mayenburg in den folgenden zwei Stunden noch eine ganze Menge witziger Variationen aus ihr heraus. Allerdings um den Preis, dass sich keine der auch in ihrer gendervertauschten Spiegelung klischeehaften Männer- wie Frauenfiguren sonderlich entwickelt. Macht nichts, der Zweck des Abends ist ja auch eher eine Blickschule für die oft bewusstlose eigene Klischeehaftigkeit, egal welchen (allerdings heterosexuellen) Geschlechts. Bloß: Den Status quo unterläuft letztlich auch seine Verkehrung nicht. Karnevalstheoretiker wie Michail Bachtin würden vermutlich ergänzen, dass sie ihn sogar stabilisiert.
Eva Behrendt
https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/status-quo.html?m=360