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Rezensionen 1. März

Aram Tafreshian, Jonas Dassler, Vidina Popov, Foto: Ute Langkafel

Berlin: Nach Kafka «Ein Bericht für eine Akademie»

Am 7. und 30. März im Gorki Theater

Der erste Tabubruch kommt schon nach fünf Minuten. Sesede Terziyan stellt sich im Gorki Theater bei heller Saalbeleuchtung als Elizabeth Costello vor, eine literarische Figur des Schriftstellers J. M. Coetzee. Dieses weibliche Alter Ego des Autors referiert in dem nach ihr benannten Buch in acht «Lehrstücken» über grundlegende Themen des Lebens, darunter auch das gewalttätige Verhältnis der Menschen zu ihresgleichen, den anderen Tieren. Im Gorki spricht Terzians Elizabeth über ihre Identifikation mit Kafkas Menschenaffen Rotpeter, darüber, wie Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung stattfindendes Unrecht ausblenden können, und landet darüber beim Vergleich des Holocaust mit der industriellen Massentierhaltung. 

«Verharmlosung des Holocaust», tadelten prompt einige Kritiker. Tatsächlich berühren Coetzee und damit auch Frljic ein hochproblematisches Feld der Ethik. Der Vergleich von Menschen mit Tieren erscheint geschmacklos, weil er der Abwertung von Menschen und der Relativierung eines Genozids zu dienen scheint. Dabei könnte man Coetzee auch umgekehrt verstehen: Was, wenn der Vergleich der Aufwertung, also der Würde der Tiere diente? Wären wir alle dann untätige, wegschauende Zeugen eines Verbrechens, das gar nicht als solches bezeichnet wird? Warum fällt es uns schwer, dasselbe Mitleid für Hunde, Schweine, Affen, Ratten und Mücken zu empfinden, einfach, weil sie lebend in der Welt sind? Wer definiert die Grenze zwischen Lebewesen, die uns lästig sind oder gefährlich werden könnten, und solchen, die uns nützen? Unter welchen Bedingungen behandeln wir sie wie Individuen und unter welchen als Objekte – was ja nicht nur für Tiere, sondern auch für Menschen gilt? Resultiert der Speziezismus, also die Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Art, nicht sogar aus dem aufklärerischen Projekt Humanismus?

Franz Kafkas Erzählung «Ein Bericht für eine Akademie» operiert mit einigen dieser Fragen, wenn er den Menschenaffen Rotpeter seine Geschichte erzählen lässt: Das einst an der Goldküste Afrikas angeschossene, eingefangene und in Hagenbecks Tierpark verschleppte Tier hat es durch Anpassungs- und vor allem Bildungsanstrengung zu so täuschender Menschenähnlichkeit gebracht, dass er nicht mehr im Zoo zu leben braucht, sondern humanoide Freiheiten genießen darf - bei Frljic sogar bis hin zur (allerdings kritisch beäugten) Fortpflanzung mit einer Menschendame. Zeitgenossen und Nachgeborene lasen den «Bericht» deshalb als Parabel auf die Assimilierungsbestrebungen der deutschsprachigen Juden, unter denen auffällig viele glänzende Wissenschaftler und Künstler waren.  

Jonas Dassler, der parallel zur Frljic-Premiere am Gorki auch in Fatih Akins Heinz-Strunk-Verfilmung «Der Goldene Handschuh» als Frauenmörder Honka Aufsehen erregte, spielt nun am Gorki Theater diesen Affen, der längst keiner mehr ist, sondern mit Pfeife im Sessel einer gut bestückten Bibliothek Platz nimmt (Bühne Igor Pauska) – ganz kultivierter Bildungsbürger, den nur klitzekleine Gesten gelegentlich als ehemaligen Affen ausweisen. Auf dem fünfjährigen Weg dorthin hat er sich, anders als beim vegetarischen Juden Kafka, nicht in eine Schimpansendame, sondern in Karl Hagenbecks Tochter Josefine (Lea Draeger) verliebt. «Sie haben Ihre Freiheit aufgegeben, um eine Mensch zu sein», stellt diese Josefine fest, und: «Freiheit ist nur dann kostbar, wenn sie wenigen vorbehalten ist.» Ein paar vom Leib gerissene Kleider, schlängelnde Zungenküsse und Kastrationsdrohungen später ist auch schon ein Fellbaby auf der Welt. 

Oliver Frljic inszeniert Rotpeters Verbindung mit Josefine als leicht schleppende Salonkomödie, in der die Gorki-typischen Themen Kolonialismus und Diversität unüberhörbar mitschwingen, während das Ensemble in Anzügen und mit Melonenhüten für «kafkaeskes» Flair und Aram Tafreshian als Karl Hagenbeck, der splitternackt monologisierend durch die Publikumsreihen klettert, für Gelächter sorgt. Anders als sonst inszeniert der Regisseur diesmal geradezu konventionell narrativ – erst ganz am Schluss, als die Bücher reihenweise aus den Regalen kippen, bis nur noch das nackte Metallgerüst übrigbleibt, kommt es zu einem thesenhaften Clou über Kafka hinaus: Die Bibliothek mit ihrem gesammelten vernünftigen Wissen erweist sich als eigentliches Gefängnis, genau wie das dahinter aufgebaute Parlament der Bundesrepublik. Rotpeter, der es inzwischen sogar zum Politiker gebracht hat, hält nämlich im Reichstag abschließend eine extrem wirtschaftsliberale Rede – sprich: Gelehrige Schüler tendieren, um zu gefallen, dazu, ihre Lehrer ideologisch noch übertreffen.

Vermutlich würgt Coetzees Holocaust-Vergleich gerade in Deutschland mehr Diskussionen ab, als dass er ein selbstkritisches Nachdenken über das Projekt Humanismus ermöglichen würde. Und darüber, dass wir erstaunlich gut damit leben können, dass 58 Mio. Schweine, 3,5 Mio. Rinder und 600 Mio. Hühner allein in Deutschland jährlich industriell «verarbeitet» werden. Wenn es denn Frljic überhaupt ernsthaft darum gegangen sein sollte. Der zwar kurze, aber doch recht instrumentelle Auftritt der Paviandame Jeany wirft jedenfalls die Frage auf, wie ernst es ihm mit Kafka und Coetzee überhaupt ist: Zuerst soll Jeany sich unter Anleitung ihres Tiertrainers auf ein Podest setzen, später hockt sie im Reichstagskäfig. Vielleicht macht sie den ganzen Kram nur mit, damit man sie später in Ruhe lässt. Geholfen hat das – so könnte man Frljics so aufklärungskritische wie hoffnungslose Kafka-Paraphrase auch zusammenfassen – leider noch keinem Lebewesen. 

Eva Behrendt

https://gorki.de/de/ein-bericht-fuer-eine-akademie