Rezensionen 22. März
Bremen: Berg «Lulu»
Am 24. März, 7. April im Theater am Goetheplatz
Alban Berg würde sich wundern. Und vielleicht sogar zustimmen. Denn was Detlef Heusinger aus dem fragmentarisch überlieferten Material des dritten «Lulu»-Aktes gemacht hat, ist – wie die jetzt am Bremer Theater erfolgte Uraufführung dieser Fassung zeigte – eine höchst beachtenswerte, ebenso fantasievolle wie punktgenau durchdachte Alternative zu Friedrich Cerhas 1979 uraufgeführter Vervollständigung des Werks, die sich nicht überall durchgesetzt hat. Manche Bühnen greifen auf die alte zweiaktige Version zurück, Kopenhagen zeigte 2010 eine neue, von Eberhard Kloke verantwortete, gestraffte, in ihrer Klangfarbigkeit beeindruckende Fassung (OW 12/2010), Hamburg konfrontierte vor zwei Jahren in einem ungemein eindringlichen Opernabend (der das Prädikat «Aufführung des Jahres» erhielt) das «nackte» Particell mit dem Violinkonzert «Dem Andenken eines Engels». Jetzt gibt es in Bremen einen neuen Denkanstoß.
Auch Heusinger betont in seiner Bearbeitung den Fragmentcharakter, die Brüchigkeit des dritten Akts. Er nimmt einige Kürzungen vor (unter anderem ist die Szene mit dem «Saujud», an der sich Arnold Schönberg gestoßen hatte, gestrichen) und reduziert die in den ersten beiden Akten und am Anfang des dritten vorgegebene Orchesterbesetzung (der Abend wird gemeinsam von den Bremer Philharmonikern und dem Ensemble Experimental des SWR bestritten), fügt im Schlussakt aber auch neue Instrumente aus dem Bereich der elektrisch verstärkten Popmusik hinzu, mit denen die Komposition sozusagen in unsere Zeit fortgeschrieben wird: Besondere Farbakzente setzen da auf der Bühne ein Synthesizer, eine E-Gitarre und ein Theremin – ein damals neuartiges Instrument, das, ohne dass man es mit den Händen berührt, ätherische, leicht geisterhafte Töne erzeugt. Dabei entsteht ein weitgehend durchsichtiges, sowohl ins Groteske als auch ins Surreale weisendes Klangbild, das in seiner schillernden Perspektivvielfalt fasziniert.
Hier knüpft die szenische Umsetzung an: Ein wie ein Karussell sich drehendes Spiegel-Kaleidoskop, ein Irrgarten der Emotionen, beherrscht, mit Ausnahme des letzten Bildes, die schwarz ausgeschlagene Bühne (Frauke Löffel) und schafft einen magischen Innenraum von kühler Ästhetik, in dem sich ein von der Realität losgelöstes Kopftheater abspielt. Im Mittelpunkt steht die als Einzige hell gekleidete Lulu. Um sie herum kreisen die um sie werbenden Männer, alle in dunklen Anzügen von gleichem Schnitt, in zumeist gemessener Bewegung. Diese Art von auf Wesentliches beschränkter Handlung setzt allerdings den wissenden Zuschauer voraus – ein elitärer Anspruch, den Regisseur Marco Štorman aber absichtsvoll zu stellen scheint.
Lulu ist bei ihm nicht Opfer, nicht willenloses Lustobjekt, sondern die starke Frau, die ihre Männer zu lenken versteht. Dem entspricht Marysol Schalit mit ihrer Stimme in idealer Weise: keine Zwitschermaschine mit leicht perlenden Koloraturen, sondern ein gefestigter, dramatisch grundierter Sopran, dem allerdings auch die Ausflüge in stratosphärische Höhenregister makellos gelingen. Dazu ist sie eine Darstellerin von starker Ausstrahlung. Insgesamt eine Idealbesetzung.
Beachtlich auch die Leistungen des übrigen Ensembles: Claudio Otelli als charakterlich gebrochener, baritonal präsenter Dr. Schön; Chris Lysak als expressiver (erfolgreich gegen eine Indisposition ankämpfender) Alwa; Birger Radde als stimmlich kraftvoller Tierbändiger und Athlet; das langjährige Hausmitglied Loren Lang, hier in einer seiner besten Rollen als magisch drahtziehender Schigolch; Nathalie Mittelbach als Gräfin Geschwitz, deren warmer Mezzo vor dem Ende das Herz ergreift. Die Philharmoniker und das SWR-Ensemble verbinden die beiden so unterschiedlichen Teile der Partitur unter der suggestiven Leitung Hartmut Keils mit beeindruckender Präzision und gewinnen der mitunter eher spröde realisierten Komposition durchaus etwas Schwelgerisches ab.
Gerhart Asche