Rezensionen 22. März
Greifswald, Stralsund, Putbus
Am 24. März, 12. April, 17. Mai Stralsund; 30. März, 7., 14. April in Greifswald; 21. April; in Putbus
Friedrich Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame» war Schullektüre in Ost und West, dieses böse Märchen von Kläri aus Güllen. Ausgestoßen, prostituiert und gut geheiratet, hat sie sich hochgearbeitet an die Spitze jenes einen Prozents der Reichen, der so viel besitzt wie der Rest der Welt zusammen. Mit solchem Geld lässt Kläri einen biederen Güllener Familienvater ermorden, der ihr einst ein Kind vermachte und sie zum Teufel jagte. Ill, so sein sprechender Name, brillant getanzt von Stefano Fossat, entlockt die Moral des Ganzen: «Be rich enough, be witch craft».
Die Hexenkunst von Claire Zachanassian, wie Kläri jetzt heißt, wird nicht von einer alten Dame verübt. Das Stück in der Fassung von Ralf Dörnen heißt – wie schon 2016 bei Jörg Mannes in Hannover – einfach «Der Besuch», abgestattet von einer jungen, unberührbar schönen Bárbara Flora, die goldumflort wie aus einem Ballettmärchen entsprungen in einem unterkühlten Pas de deux an der Hand ihres indisch gewandeten Dieners Yael Shervashidze das Örtchen Güllen in ein güldenes verwandelt. Natürlich auch dank des Bühnenbildners Klaus Hellenstein. Er addiert zu den Häuschen im Dorf, die dem Ensemble als Sitzbank dienen, einen großen Goldbarren, der sich am Ende perfekt als Sarg des Opfers eignet. Ill wird in ihm die letzte Ruhe finden.
Bis es soweit ist im Theater von Stralsund, in pausenlosen anderthalb Stunden, zünden gute Übersetzungsideen dieses Schauspiels in ein Handlungsballett der Marke John Neumeier, der Dörnen einst selbst entsprang. Da ist die Sache mit Kläris Vergewaltigung: Man kann sie als Rückblende tanzen wie in Hannover. Man kann aber auch den Diener bitten, sich einen jungen Backfisch wie Sara Nativi unter den Arm zu klemmen und die Szene der Vergewaltigung unter Aufsicht einer kühl kalkulierenden Claire nachzutanzen. Ill wiederholt die ungesühnte Tat. Der Diener bringt eine zweite Klara, jetzt als Prostituierte, und lässt Isabella Heymann von fünf Güllener Herren gleichzeitig nehmen. Solch buchstäbliche Drastik ersetzt jeden Buchstaben.
Sprachlos macht auch die Verführung des Geldes. Knallgelbe Schuhkartons werden vom Ensemble – das wörtlich als Hauptfigur neben Ill und Claire samt Diener agiert – mit unterschwelliger Gier so entpackt, dass im Publikum der Eindruck entsteht, hier wirke ein Gift, finde eine Infektion statt. Der Konsum der neu erlangten Statussymbole, gelbe Tanzschuhe, ergänzt um gelbe Röcke und Hosen, wirkt als ein Virus, mit dessen Hilfe die Reichsten der Reichen «aus der Welt ein Bordell gemacht haben» (Claire Zachanassian). Der herzlose und choreografisch schwache Hetzmord an Ill ist nur noch Erlösung, bei der das Volk längst selber wie «gelbe Gefahr» wirkt, wie Chinesen, die dem Hafen von Piräus oder verarmten türkischen Banken zu ihren Bedingungen aus der Misere helfen. Man kann denken, was man will. Und genau das ist gut so.
Arnd Wesemann