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Rezensionen 22. März

Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz

Bochum: Houellebecq «Plattform»

Am 28. März und 23. April im Schauspielhaus

Krachend fällt der Zivilisationsmüll vom Himmel: Matratzen, Plastikstühle, Zimmerpalmen, Klamotten. Was man eben so gebraucht hat vor der Apokalypse, die eigentlich nur ein schlichter Terroranschlag ist, 117 Tote. Stattgefunden hat er im Sex-Urlaubsclub «Eldorado Aphrodite», in dessen Trümmern ehemals satte, amoralische weiße Mittelstandsmänner umherirren und sich fragen, was aus ihren Privilegien geworden ist: der Kulturbeamte Michel, der zynische Kollege Jean-Yves. Wie ein Rest Trost leuchtet hinten noch die rote Glühbirnenwand mit lasziv geöffneten afrikanischen Riesenlippen – das Bühnenbild dieses bereits 2005 am NT Gent und nun in Bochum re-inszenierten Abends stammt noch vom 2015 verstorbenen Bert Neumann. 

Das Sex-Versprechen ist das Letzte, was den Männern bleibt, wenn die einzige Möglichkeit zur Liebe aus den Trümmern geborgen wird. Michel, den Stefan Hunstein mit sympathisch schlotterigem Zynismus und Selbstmitleid spielt, trägt seine tote Geliebte auf einen Stuhl und haucht ihr mit einem Kuss Leben ein: So erzählt Johan Simons die Untergangsgeschichte der Menschheit aus dem Rückblick heraus. Ein Kunstgriff, der dem Abend sehr guttut. Denn Distanzierung muss her beim tendenziell rassistischen, ultra-liberalen und frauenfeindlichen Houellebecq.  Schön, wie auch noch der detaillierteste Sex-Talk beiläufig beim Schuhe-Anziehen weggesprochen wird (Textfassung von Tom Blokdijk). Mit einem schlichten, aber präzisen Bild verfremdet ist auch, wie das willige Hausmädchen Aisha, blutjunge Geliebte von Michels Vater, zum Zeichen einer rassistischen Bollwerksgesellschaft wird: Mit stets ironisch-unschuldiger Miene leistet der Brüsseler Schauspieler Mourad Baaiz mit marokkanischen Wurzeln im orangenen Kleid neokoloniale Liebesdienste. Einen grandiosen Wutausbruch darf die schwarze Mercy Dorcas Otieno als Audrey ausleben, wenn sie Tische und Stühle zerlegt – und ihren schwächlichen, sexbesessenen Ehemann Jean-Yves (Guy Clemens) dabei zur Strecke bringt. 

Weiße Männer kommen nicht gut weg an diesem Abend, getrieben von stumpfer gymnastischer Geilheit, die Houellebecq in allen Details ausbreitet. Da wird vor allen anderen Karin Moog als Valerie als toughe, von den Toten auferstandene Geliebte zur Lichtgestalt. Und doch gibt Simons, indem er Moog meist halbnackt auftreten lässt oder wunderschön mit immer neuen, aus dem Müllhaufen herausgesuchten Mini-Röcken ausstaffiert, dem dauerbewertenden Houellebecq-Blick auf Frauen deutlich zu viel Raum. Moogs «Valerie» ist zwar zweifellos eine sehr selbstbewusste, souveräne Frau – aber in ihrer Sexyness und allzeit bereiten sexuellen Verfügbarkeit eine komplett realitätsferne Männerfantasie. Eifrig und zupackend arbeitet Valerie für Michel an ihrer beruflichen Selbstoptimierung, durchaus ein liebevolles Powercouple. 

Subtil lässt Johan Simons das perfekte Außenbild immer wieder umschlagen in eine ethische Schauergeschichte von reichen, überdrüssigen Westeuropäern, die sexuelle Ausbeutungsparadiese zur Profitmaximierung erschaffen, nur weil sie es eben können. Nebenbei häufen sich die Gewalterzählungen aus der Vorstadt. Sie bedrohen zunehmend die amoralische Veranstaltung, die sich westlicher Lebensstil nennt. Am Ende kann man den Islamisten Yassin – vom weißen Lukas von der Lühe als Andeutung eines deutschen Neonazis gezeichnet –, der mit seinem Anschlag die vermeintliche Idylle zerstört, fast verstehen. Zynisch erklingt Harry Belafontes «Island in the sun» dazu.

Dorothea Marcus

www.schauspielhausbochum.de/de/stuecke/214/plattform