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Das wahre Wede-Kind

Susanne Lothar spielt Lulu

Von Michael Merschmeier

Lulu – die Schlange, das süße Raubtier, die Urgestalt des Weibes – so glaubten wir sie nach der Uraufführung 1902, aus der Buchfassung und später der Oper Alban Bergs zu kennen. Ein enfant fatale, entsprungen Wedekinds und anderer Männer Phantasie: die gefährlichste Kindfrau des Fin de siècle. Doch dieser Lolita vielbeschworne Leidenschaftlichkeit wirkt beim Lesen und auf der Bühne (ohne Bergs Musik) oft nur papieren: kunstgewebt der Abstieg ins Gunstgewerbe, eine Reizbettfigur, heilig und hurig und letztlich unscharf.

In Peter Zadeks Hamburger Inszenierung sieht man die neue Lulu: keine Liebesgöttin aus dem Cabaret, sondern ein großäugige Trümmerkind der Historie gewordenen fünfziger Jahre, eine (nach-) kriegskindliche Kaspar Hauserin, die ihre Körpersprache, ihres Körpers Sprache ungezwungen und unablässig einsetzt: Nichts ist natürlicher als ihre Nacktheit, nichts wahrhaftiger und wirklicher als ihre Wünsche.

Objekt der Begierde ist sie Männern und Frauen noch immer, doch als Subjekt, selbstgewiss. Nicht entfremdet ist sie in Hingabe, Verweigerung, Berechnung und Opfer, sondern ganz bei sich. Lulus Lust-Spiel ist endlich nicht mehr ein amoralisierendes Aufklärungsmelodram.

Zadek, der alte junge Zauberer, hat seine Lulu furiosa Susanne Lothar auf den Boulevard geschickt: «Monstre-Tragödie». Im Alltagsslapstick bürgerlicher Triebmechanik, im Pointen-Pingpong auf dem Gedankenstrich verliert sich alle hoh(l)e Dämonie, alles altherrenhaft Verschwitzte. Denn ohne schwüles Belle-Époque-Parfum, ohne den Schwulst, welchen Wedekind, der Zensur wegen, über die gewagte, härtere, frechere, pointiertere Urfassung von 1894 legte, ist Lulu endlich ein Menschenkind mit Fleisch und Blut, nicht mehr nur eine Projektionspuppe für prüde, lustängstlich in scheinbarer Verwegenheit schwelgende Interpreten.

Peter Zadek hat erstmals diese Urauffassung inszeniert. Und die Schauspieler können glänzen bei ihrem Balanceakt zwischen Lebens-Echtheit und Theater-Kunst: der geil hechelnde, schwer schwitzende, lebemännliche Ulrich Wildgruber als Doktor Schöning; der schnellzüngige, von der Alertheit in die Verzweiflung getriebene Ulrich Tukur als Alwa Schöning; der kunstsinnliche, moralpinselige, inwendig verbrennende Matthias Fuchs als Maler Schwarz; der gnomig komische, greisenhaft gefährliche Heinz Schubert als Findelkindvater Schigolch; der bullencharmante, kraftprotzige Christian Redl als Liebeskünstler Rodrigo Quast; die erst nur aristokauzige, dann ihre Sprachstörung bis in den ganz unholden, existenzwahren Wahnsinn treibende Jutta Hoffmann als Gräfin Geschwitz.

Und Susanne Lothar – die vielen gefallende, vielen gefällige gefallene Jungfrau aus der Unterwelt, mit Leib und Seele und aller Mienenkunst handgreiflich-zart immer im Spiel, eine rauchstimmige, rauhbeinige, raubbauende proletarische Sirene. Ihre anfangs etwas arg einschichtige, penetrant pubertäre Nöligkeit wandelt sich im Verlauf ihres Abstiegs aus der blattgoldenen Gesellschaft Berlins in die Bleikammer einer Londoner Nuttenabsteige: die rotzcharmante Göre Lulu wird eine von Furien gejagte Frau mit Vergangenheit, eine tragische Gestalt, die wissend, willig auf ihren Mörder wartet.

All das scharfsichtige Scherenschnitte, lebensvoll, kaum liebevoll. Lulu – vom Kopf (der Männerphantasie) auf eigene Füße gestellt – sie ist das wahre Wede-Kind. Die neue «Lulu» ist der wahre Wedekind. Ein neues Stück: unverblümt die erotischen Dialoge, unbeschnitten von wilhelminischer Zensur auch noch die Körperhandlungen. Nicht Zirkusnummern stehen da beschrieben, nicht symbolische Dressurakte, sondern bürgerliche Katastrophen, unbezähmte Gier, rückhaltlose Offenbarung. 70 Jahre nach Wedekinds Tod am 9. März 1918 ist in Hamburg sein Hauptwerk auf der Bühne neu entdeckt worden. Es hat seine ursprüngliche Kraft wiedererlangt - von der die Aufführung brennt.

Der Text erschien erstmals in Theater heute 4/1988.