«Eckig, unperfekt, obszön, pubertär ... unschick» – so beschrieb Peter Zadek die Urfassung von Wedekinds «Die Büchse der Pandora» (1892-94) im Programmbuch des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg zur Uraufführung 1988. Zadek hatte damals recht – hat noch heute recht mit seiner Beschreibung, auch wenn sich die zu Lebzeiten Wedekinds nie veröffentlichte «Urpandora» inzwischen als Standardfassung etabliert hat. Immer noch liest sich das Stück bemerkenswert schamfrei, was das Fleischliche betrifft, immer noch macht die Voyeurs-Intimität eines Gesprächs über die «zwei schwarzen Löckchen» in der Achselhöhle der Antiheldin Lulu betroffen, immer noch erstaunen drastische Dialoge wie der, in dem Lulu ihrem längsten und wichtigsten Geliebten (sowie dritten Gatten) Schöning mit Fessel und Peitsche fürs Bett in Fahrt bringen will. Kein bisschen blass, das Ganze, selbst in der vermeintlich so freizügigen Gegenwart.
Ein Teenager, der von männlichen «Beschützern» abhängig ist und sie sexuell bei Laune hält – unter dem nach dem Harvey-Weinstein-Skandal viral gewordenen Hashtag #MeToo hätte Lulu allerhand beizutragen. Zwar dürfte die Prostitution um des nackten Überlebens willen den wenigsten Theatergängern geläufig sein – auch wenn es dieses Milieu natürlich noch gibt. Es sind leisere Details, die sich unheimlich lesen – etwa die 4. Szene des ersten Aufzugs, die nicht wegen ihres Schockpotenzials, sondern im Gegenteil aufgrund ihrer Alltäglichkeit unter die Haut geht. Lulu, die dem Maler Schwarz im Pierrot-Kostüm Modell steht, erzählt, wie ihr Gatte Goll sie daheim in Hemdchen und Seidenstrümpfen umherlaufen lässt. Dem Maler heizt die Vorstellung offenkundig ordentlich ein. Er verlangt von Lulu, dass sie das Hosenbein ihres Kostüms weiter nach oben schiebt (was tut man nicht alles fürs optimale Motiv). Sie lehnt ab: «Es geht nicht. Man sieht die Haut.» Eben! Er ignoriert ihren Widerspruch, will selbst zugreifen, woraufhin sie von ihrem Posten desertiert und ihm davonläuft. Schwarz beschwert sich: «Sie verstehen keinen Scherz ...» und (so die Regieanweisung) drängt sie links hinten in die Ecke. Lulu widerspricht: Doch, Spaß verstehe sie schon. Sie spielt ein bisschen mit, kokettiert, neckt. Zieht Augenblicke später wieder eine Grenze: «Lassen Sie mich jetzt in Ruhe, mir ist schlecht», lässt sich wieder ein, sagt endlich: «Nun – dann nicht». Schwarz ist an diesem Punkt der Raserei nahe. «O Gott im Himmel nochmal!» Lulu: «Bringen Sie mich nicht um» – sie will sich ja gern auf seine Liebe einlassen, aber ausziehen will sie sich nicht gleich. Obwohl Schwarz sich vergleichsweise grünschnabelig, eher harmlos ausnimmt – er gibt zu, noch Jungfrau zu sein –, liegt Gefahr in der Luft. Der Maler übergeht Nein um Nein, demonstriert körperliche Überlegenheit.