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Zadek lernt Lulu

Einsichten eines Regisseurs

Von Peter Zadek

1965. Ich soll «Lulu» inszenieren. Lese das Stück bzw. die beiden Stücke: «Der Erdgeist», «Die Büchse der Pandora». Finde sie lang, langweilig, prätentiös und überflüssig. Inszeniere stattdessen «Bunbury».

1975. Ich soll «Lulu» inszenieren. Muss mir doch besonders liegen (Sex and Violence usw.). Besonders nach «Othello». Lese das Stück bzw. die Stücke wieder, genauer. Eine wilde phantastische Geschichte. Eine Konstruktion, wie mir scheint ohne erkennbare menschliche Züge.

Nach zwei sehr schönen verschiedenen Inszenierungen von «Frühlings Erwachen» finde ich mich bei Wedekind schon zurecht. Der einzige Einfall zu «Lulu»: Es ist ein Konversationsstück. Nicht dämonisch. Schon gar nicht expressionistisch.

Aber ohne eine Lulu keine «Lulu». Schlage einem Theater Maria Schneider, Oskar Werner (als Schön) und Lilli Palmer als Geschwitz vor. Alle können oder wollen nicht. Vielleicht ist mir die Besetzung nur eingefallen, weil ich das Stück nicht inszenieren wollte.

Irgendwann Anfang der achtziger Jahre in einem Hamburger Restaurant (Silvester, glaube ich, bei Cuneo). Ingrid Andree ist da, berühmte Lulu von damals, und Tochter Suse Lothar, junge, anfangende Schauspielerin, damals noch ein Trampel, etwas pubertär, rührend, begabt.

Die Sicherheit, dass ich mit dieser Schauspielerin «Lulu» inszenieren will (kann). Warum? Keine Ahnung. «Lulu» ist ein Stück über Projektion. Der Regisseur muss sich mit den Projektionen von vielen Männern identifizieren können: Maler Schwarz, Intellektueller

Schön, Künstler Alwa, Lesbierin Geschwitz, Akrobat Rodrigo, Mephisto Casti-Piani, Gauner Schigolch (auch Prophet Schigolch) und Frauenmörder Jack the Ripper.

1900 war Lulu ein Killer. Heute ein Opfer. Lulu hält durch. Eine deutsche Frau. Sexuelle Mutter Courage. Man muss sie aus der legendären Femme-fatale-Welt der Jahrhundertwende lösen, auch aus dem Dietrich-Land der zwanziger Jahre.

Die Inszenierung wird geplant. Wieder Schrecken beim Textlesen. Glatt, so perfekt. Schick. Plötzlich (im Sommer 1986) liegt die eigentliche «Lulu» auf dem Tisch, die Urfassung. «Die Büchse der Pandora • Ein Buch-Drama». Eckig, unperfekt, obszön, pubertär, nicht mehr geleckt. Unschick. Szenenanweisungen und Charaktere fehlen. Das Ding ist aus einem Guss, klar, sauber, ganz nah bei «Frühlings Erwachen». Fünf Akte. Ein Abend, nicht ein zusammengestoppeltes Stück, das eigentlich sieben Stunden laufen sollte.

Suse Lothar spielt Lulu. Eine deutsche Frau. Premiere: Februar 1988. Uraufführung der Monstre-Tragödie. Eine deutsche Frau, zwischen Masochismus (extrem), grimmigem Durchhaltevermögen und wilder romantischer Phantasie. «Ich träume davon, einem Triebverbrecher in die Hände zu fallen!» Die Sucht nach dem Absoluten, der Utopie, dem Tod. Die Erlösung von der Sehnsucht.»

Der Text erschien im Theater heute Jahrbuch 1988