Frau Petersen, was ist das Besondere an Lulu?
Mich hat immer fasziniert, wie ungreifbar diese Figur ist. Sie ist ja noch ein fünfzehnjähriges Kind, wenn die Oper beginnt. Aber sie ist groß geworden mit einer völligen Selbstverständlichkeit von Sexualität, das ist für sie wie Essen und Trinken. Während die Männer alle wahnsinnig wurden an ihr. Sie rast ganz selbstverständlich durchs Leben, bis zu dem Moment, wo Doktor Schön ihr die Pistole an den Kopf hält – im zweiten Akt. Da definiert sie sich selbst zum ersten Mal und sagt: Ich bin so und so, und wer mich will, muss mich so nehmen, wie ich bin. Von dem Moment an geht dann alles bergab. Dieser Aufstieg und Fall einer Figur in ihrer Unbedarftheit, dieses Wandeln zwischen Kind und femme fatale und dieses Wachstum einer Seele ins Schlechte sind spannend. Lulu ist eine der spannendsten Frauenfiguren in der Oper.
Sie haben mal über Ihre Arbeitsweise gesagt: «Ich bin dann wie Lulu. Der Regisseur kann mit mir machen, was er will.» Ist das der Schlüssel für den Erfolg? Dass Sie offen sind für alle Lesarten.
Ja, ich habe gesagt: Ich komme als weißes Blatt Papier in die Probe. Wenn man zu viele Vorstellungen hat von einer Figur, dann gibt man dem Regisseur keinen Raum, und er kann er ja kein Blatt beschreiben, wenn es schon voll ist. Ich fand es immer wieder spannend, auf Null zurück zu gehen und mich völlig in ein Konzept hinein zu geben. Und durch die Erfahrung, die ich im Singen der Rolle schon hatte, nahm das jedes Mal Fahrt auf. Ich hatte keine Lulu-Inszenierung, die nur «okay» war.
Kaum eine andere Figur wird so unterschiedlich gesehen. Ist sie eine Projektionsfläche für eigene Vorstellungen?
Die Männer haben alle ihre eigene Sicht auf Lulu, sie ist eine Erfüllungsgehilfin dieser Vorstellungen. Das hat Konwitschny damals ganz toll gemacht: Er hat mir ja eine zweite Lulu als Puppe an die Seite gestellt. Und wenn die Männer sich gezankt haben, dann mit der Puppe – ich habe daneben gestanden und mir das angeschaut. Sie war da auch nicht wirklich als Mensch gemeint. Das ewige Thema ist ja: Ist sie Täterin oder Opfer? Und was auch immer sie ist, der Regisseur entscheidet sich für eine Richtung. Für mich ist sie beides, ganz klar. Sie fordert heraus und wird dann Opfer.
Laut dem Prolog wird Lulu von einem Tierbändiger als seine Schlange präsentiert: «geschaffen, Unheil anzustiften, zu locken, zu verführen, zu vergiften – zu morden».
Die Versuchung, die Verlockung ist sie in jedem Fall. Aber ohne dass sie etwas tut, sie musste nie jemanden locken. Sie ist einfach so. Wie die Schlange – die ist ja auch kein «böses» Tier – ein Tier ist auch einfach, was es ist. Die Männer nehmen sie aber nie als das, was sie ist, sondern stülpen immer etwas darüber.