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Medien-Tipps #3

«Pas de Deux. An Exceptional Collection of Ballet Duets», «Wunderkammer»

Pas de Deux. An Exceptional Collection of Ballet Duets

The Royal Ballet. DVD Opus Arte 2018

Es ist kaum auszuhalten. So viel Liebe. So viel Paarglück. So viele Küsse. Und was für Küsse! Frauen, die im Vorbeiflug durch die Luft die Lippen des Partners streifen, oder: Er auf den Knien wie bei einer Hinrichtung, sie biegt von hinten seinen Kopf weit zurück und dann: ein Kuss wie ein Biss. Wollte man ein Kuss-Kamasutra des Balletts verfassen, man bräuchte diese DVD. Sechzehn fantastische Pas de Deux', getanzt von einem der weltbesten klassischen Ensembles, dem Londoner Royal Ballet. Natürlich wird vor allem den Choreographen-Hausgöttern der Kompanie gehuldigt: Vom schottischen Zauberer Kenneth MacMillan stammt ein Drittel der Pas de Deux', dazu Szenen aus Balletten von Frederick Ashton, Christopher Wheeldon. Überraschungen darf man also nicht erwarten bei dieser Gala, nicht mal die zarte Eskapade eines homoerotischen Duos, und der 'krasseste' Moment ist auch schon 40 Jahre alt und stammt aus dem Mordsballett «Mayerling» von MacMillan, wenn der sexbesessene Held seiner Partnerin das Trikot von den Schultern rupft.

Dafür aber: Perfekt gecastete Tänzer. Eine Topballerina, ein Danseur Noble nach dem anderen. Jedes Pas de Deux scheint nur für sie gemacht. Drei der interessantesten Duos veredelt die Solistin Sarah Lamb. Für Wayne McGregor etwa, noch der 'hippste' unter den Royal-Choreografen, ist sie ein alabasterweißer Lichtstrahl in seinem Ballett «Limen». Mit einer so biegsamen Wirbelsäule, als hätte diese Wundertänzerin keinen Knochen im Leib. Eine Frau als futuristisches Hologramm, ihr Partner, Eric Underwood, ein großer, sie herumwirbelnder Schatten - perfektes Yin und Yang. So erzählt diese 16-teilige Pas de Deux-Serie in guter Ballett-Tradition von der Liebe als überirdisch reiner Kraft, von der Möglichkeit idealer Harmonie der Körper. Nicht ganz von dieser Welt, aber der denkbar schönste Traum. 

Nicole Strecker

CD: «Wunderkammer»

Das Album ist eine intime, innerliche aber auch leidenschaftliche Hommage an die barocke Kammermusik. Mit den Werken Forquerays, Barrières, Bachs und Couperins treten französische, deutsche und italienische Stilelemente in einen packenden Wettstreit um Virtuosität. Dabei drängt sich keiner der Musiker in den Vordergrund, sie umspielen einander, geben sich Raum und wechseln sich auf der Position des Solisten ab. Damit präsentiert sich in der Aufnahme nicht nur ein in sich stimmiges Ensemble, sondern ebenso hervorragende Virtuosen.

Eröffnet wird die CD von einer Instrumental-Fassung der Arie «Komm, süßes Kreuz» aus Bachs Matthäus-Passion, in der Gambe und Cello im intimen Duett agieren. Sarah Perl spielt den Gamben-Part mit einer selten gehörten Geschmeidigkeit, Wendigkeit und Souveränität, die alle technischen Herausforderungen vergessen lässt. Martin Seemann versteht es, sein Cello singen zu lassen und den Gesangs-Text klanglich so umzusetzen, dass man den Sänger zu keinem Zeitpunkt vermisst. Mira Lange wiederum lockt mit den Bach-Toccaten aus der Streicherwelt ihrer Kollegen heraus und sorgt im Alleingang mit Couperins «Baricades Mistérieuses» für einen reizvollen Gegenpol zu der Eröffnungs-Arie und den Abschluss der Aufnahme.

Tristan Braun

Coviello (Note 1 Musikvertrieb) (Audio-CD); AD: 2018