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Medien-Tipps #2

«A Full Circle», «Der Rosenkavalier»

Tanzvideo: «A Full Circle»

«A Full Circle» nennt sich diese dritte «Bewegungsstudie» des kanadischen Filmemachers Rodrigo Rocha-Campos, eine in jeder Hinsicht untertriebene Bezeichnung für dieses zunächst harmlos anmutende, einfühlsam gezeichnete Duo zweier in Vancouvers freier Szene beheimateter Tänzer. Sorgfältig kostümiert und beinahe züchtig auf eine Kirchenbank platziert, jagen Erika Mitsuhashi und Michael Ethan Kong mal eng verbunden, mal gewaltsam getrennt immer tiefer in die Abgründe eines von Black Metal angetriebenen, schnell geschnittenen, bildgewaltigen Trips, der jäh in die Arme zärtlich schnurrender, rhythmisch vibrierender Violinen stürzt und auf die Ekstase zusteuert: ein großartig komponierter, die Tänzer nie verletzender Rausch, gefilmt mit achtungsgebietender Konsequenz.

Arnd Wesemann

Strauss «Der Rosenkavalier»

Stille Nacht, heilige Nacht? Bacchus bewahre. Dieses Notturno kennt andere Vorlieben, und man benötigt  nicht besonders viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, was da hinter geschlossenen Gardinen geschieht. Mit Feuer und Furor wühlen sich die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg («Bichette») und ihr Liebhaber Octavian («Quin-Quin») durch den nächtlichen Kissenberg, einander förmlich verschlingend in lupenreiner, ungebändigter, gegenseitiger Wollust. 

Richard Strauss hat den Anfang seiner «Komödie für Musik» in drei Aufzügen bekanntermaßen mit eindeutigem Kontext unterlegt. Die machtvoll aufsteigende Sext gleich zu Beginn markiert den Liebesakt in all seiner Schamlosigkeit. Nur hat man das selten so griffig und glasklar, so fulminant gehört wie in dieser Live-Aufnahme von 2015 mit Marc Albrecht und seinem Netherlands Philharmonic Orchestra, die anlässlich der Amsterdamer Neuinszenierung durch Jan-Philipp Gloger realisiert wurde (siehe OW 11/2015). Stürmisch prescht das Blech nach vorne, seufzend sinken die Streicher unter dem phallischen Ansturm in die Federn. Ausdruck höchster Leidenschaft – aber eben auch höchster Präzision.

Denn nicht um des reinen Affektes Willen wird hier munter musiziert. Das Profil der Szene sieht sich geschärft. Und das ist auch in den folgenden zweieinhalb Stunden nicht anders. Plastischer geht’s nimmer, würde wohl Strauss ausrufen und begeistert sein von der instrumental wie vokal glanzvollen Darbietung. Schneidend scharf kündigt sich etwa der Gatte der melancholischen Hausherrin an, der ja dann gar nicht kommt, sondern nur der Baron Ochs von Lerchenau (Peter Rose mit Inbrunst); süßlich-devot klingt dessen untertänigst-bäuerliches Entrée mit den vielen Verneigungsgirlanden. Den Feldmarschall im krowatischen Wald hört man entschieden durch die Luft ballernd: Jagdzeit ist! Umso inniger dann der Zeit-Monolog der Gattin am Ende des ersten Aufzuges: Camilla Nylund präsentiert sich hier als sensibel phrasierende Sopranistin mit gerundetem lyrischem Timbre.

Und so geht es weiter, Takt auf Takt, Akzent auf Akzent. Kaiserschmarrniger Schmäh wechselt mit italienischem Raffinement und kernig-knackigem Rhythmus ab (virtuos in der Szene mit Valzacchi und Annina), rhetorisch starkes Schwadronieren bei Roses pointiertem Ochs mit sinnlicher Devotion beim Octavian von Paula Murrihy und der Sophie von Hanna-Elisabeth Müller.

All das fügt sich zu einer Interpretation, die in jedem Moment hellwach und pointiert ist, klanglich geschliffen, in der Balance immer richtig, dynamisch variabel, melodiös delikat. Ein Höhepunkt unter vielen ist gewiss der Fugato-Beginn des dritten Aktes. Jeden Schritt vermeint man hier zu hören, jede geringfügige Drehung der flinken Sohlen, jeden Atemzug der Protagonisten. Sogar die (gespielte) Verklemmung «Mariandels» hat man hier vor Augen – und später den Spott, der sich über den vermeintlichen Don Juan vom Dorfe ausgießt. Ein funkenfliegendes Vergnügen, und das nicht nur der Eingangsszene wegen.

Jürgen Otten

STRAUSS: DER ROSENKAVALIER
Camilla Nylund (Feldmarschallin Fürstin von Werdenberg), Peter Rose (Baron Ochs von Lerchenau), Paul Murrihy (Octavian), Martin Gantner (Herr von Faninal), Hanna-Elisabeth Müller (Sophie), Irmgard Vilsmaier (Jungfer Marianne Leitmetzerin), Michael Laurenz (Valzacchi), Kai Rüütel (Annina) u. a.
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