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Über den Berg

Gilletts Gedankensplitter

Auf der Bühne habe ich in Alban Bergs «Lulu» selbst nie gestanden. Allerdings saß ich fünf oder sechs Mal im Saal, wobei ich zu folgenden Schlüssen kam. Erstens: Schade, dass Berg sich das Stück nie anschauen schauen konnte – ich wette, er hätte großzügig gestrichen. Zweitens: Dies ist ganz klar eine dieser Opern, die den Darstellern wesentlich mehr Spaß machen als den Zuschauern. Im Falle Lulus auch deshalb, weil sie recht zweidimensional bleibt, finde ich. Aber insgesamt gestaltet sich die musikalische Sprache so komplex, wirken die Beziehungen der Figuren untereinander so verzwickt, dass das Publikum überhaupt nicht beurteilen kann, ob das Ensemble ihnen gerecht wird oder nicht. Zwar sollte ich mich als Zuschauer vorbereiten. Aber selbst dann sind mir die Mitwirkenden meilenweit voraus. 

In gewisser Weise gibt es diese Diskrepanz natürlich immer. Ich habe längst den Versuch aufgegeben, die Reaktion des Publikums vorwegzunehmen. Manchmal fühlt man sich in Topform, nimmt auf der Bühne eine geradezu elektrisierende Spannung wahr – und erntet hinterher im Gespräch mit einem Zuschauer doch nur eine skeptische Miene. Oder umgekehrt, die Stimme läuft nicht, die Kehle ist trocken, die ganze Angelegenheit scheint fürchterlich zu lahmen; trotzdem gerät das Publikum völlig außer sich vor Begeisterung. Total unberechenbar. 

Aber es gibt definitiv Stücke, bei denen die Wahrnehmung stärker auseinander klafft als üblich. Mozarts «Così fan tutte» gehört auf jeden Fall dazu. Wunderbare Musik, einfach herrlich! Man lässt sich in den Ensembles vollkommen auf die Kollegen ein, spielt sich die Bälle zu wie in der Kammermusik – aber am Publikum geht das vorbei, es bleibt von der Intimität, die sich auf der Bühne einstellt, ausgeschlossen. Vor allem in großen Sälen, wo «Così» deshalb meiner Meinung nach grundsätzlich nichts zu suchen hat.

Vielleicht trete ich ja irgendwann doch noch in «Lulu» auf (keine Sorge, das soll keine Bewerbung sein) und lerne das Stück endlich richtig kennen, bekomme eine Chance, in die musikalische Sprache, die Struktur, das Personal einzutauchen. Vielleicht kann ich dann beurteilen, ob es ein Meisterwerk ist oder nicht. Bis dahin aber gilt: Die Jury berät sich noch.

Christopher Gillett

(Aus dem Englischen von Wiebke Roloff)