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Filme und Serien #4

«Zwei Herren im Anzug»; «Unsere Erde 2»

Josef Bierbichler in «Zwei Herren im Anzug»

In der Mitte des Films sagt einer der beiden immer wieder auftauchenden, stets zufrieden feixenden Herren im Anzug zum anderen: «Sie glauben, Sie können Vergangenheit so darstellen, wie sie wirklich war?» Der Angesprochene, gespielt vom ehemaligen Intendanten der Münchner Kammerspiele Johan Simons, trägt anlässlich eines Maskenballs kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine SS-Uniform und spricht mit stark niederländischem Akzent. Schon zu Beginn des Films, als 1914 der ältere Seewirtssohn einberufen wird und fröhlich beschwipst mit einem Dutzend anderer Bauernlümmel in den Krieg zieht, hat Peter Brombacher, der andere Herr im Anzug, den damals noch nicht geborenen Heiner Müller zitiert: «In der Zeit des Verrats sind die Landschaften schön.»

Die Theateradaption seines 2011 erschienenen Romans «Mittelreich» hat Josef Bierbichler noch aus der Hand gegeben, die Verfilmung jedoch selbst übernommen, und zwar im umfassenden Sinn als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller des Seewirtes Pankratz (sowie, aber das ist eher ein Nebenrolle, von dessen Vater). Es ist ein kantiger, anstrengender, lohnender Film geworden, der fast mehr noch als der Roman voller Zorn ist auf «das verfluchte Erbe, den ganzen Heimatkitsch», den es fast zerreißt im Versuch, die Vaterfigur in ihrem umfassenden Totalversagen zu verstehen (und zu spielen) und der sich einen Dreck schert um das sogenannte gute Gemachte, Ausgewogene, stilistisch Durchgeformte.

Zum konventionelleren Teil dieses Films zählt die Rahmenhandlung, die 1984 spielt. Nach der Beerdigung von Theres (Martina Gedeck), Pankratz’ Frau und Semis Mutter, bleiben Vater und Sohn im dunklen Wirtssaal übrig. Der bärtige, langhaarige, ganz unterm Kopfhaar versteckte Sohn Semi (Simon Donetz) macht aus der Ablehnung seines Zuhauses keinen Hehl; er raucht demonstrativ Kette und gießt sich einen Schnaps nach dem anderen ein; später konfrontiert er Pankratz auch direkt. Der Vater (Bierbichler) wirkt dagegen zugewandt, bewegt, will sich dem Sohn erklären. Eine Blechdose mit Fotos steht auf dem Tisch, so beginnt die Reise in die Erinnerung.

Weil der Bruder Toni als Kriegsheimkehrer verrückt wird – was erst nach dem «normalen» Revanchismus der Verlorenen Generation klingt, steigert sich zu einem Antisemitismus, den nach einem Schuss auf den gekreuzigten «Juden» am Altar selbst die Zeitgenossen wahnhaft finden –, muss Pankratz den väterlichen Hof samt Wirtshaus übernehmen. Der eigentliche Traum des einstigen Kirchenchorknaben, Opernsänger zu werden, wird damit hinfällig, er leidet lebenslänglich unter dem Leben, das er nicht gewählt hat. Seine Frau Theres hingegen hat er erwählt, umso rätselhafter scheint es, dass er beim Anblick des gemeinsamen Sohnes immer wieder zurückweicht, sich übergeben muss, und den Jungen auch später immer wieder von sich stößt. 

Der Wechsel zwischen Schwarz-Weiß und Farbe sowie der Schauspieler*innen je nach Lebensalter der Protagonist*innen stiftet mitunter Verwirrung. Auch das Gewicht, das Bierbichler einzelnen Situationen und Ereignissen gibt, erschließt sich nicht immer, der Film ist ruckelig, sprunghaft, assoziativ wie die Erinnerung. Einmal sehen wir den jungen Pankratz um die wortkarge Theres werben. Er ruft einen Wettlauf auf den nächsten Hügel aus, dann wird ausführlich ein spaßhaftes Raufen der jungen Männer mit nackten Oberkörpern gezeigt – eine Vorahnung der später auferzwungenen Homoerotik oder doch eher folkloristische Illustration ländlicher Chauvibräuche? Großen Raum nimmt ein Kostümball nach dem Krieg ein, als das Haus des Seewirts voller Flüchtlinge ist, die amerikanischen Besatzer zum Essen, Feiern und Flirten kommen, während Pankratz’ garstig-bigotte Schwestern im Hintergrund lästern (Irm Hermann, Sarah Camp). Als Farce und Verkehrung spielt diese Nachkriegsgesellschaft das eben Erlebte noch einmal durch: Eine Frau von Meinrad (Catrin Striebeck) tanzt als sexy Hitler auf dem Holztisch, ein geblackfacter Knecht kommt dem schwarzen US-Offizier zu stehen, am Ende sind alle nackt und besoffen. 

Im letzten Drittel des Films erklärt Semi, dass jetzt er das Erzählen übernehme. Auch seine Erinnerungen sind antilinear und musikgetriggert wie die seines Vaters, der Grund ist auch hier ein Trauma. Der Sportpater im Internat, auf das ihn der Vater schickt, versucht sich Semi als Lover heranzuziehen, aber die Eltern überhören seine Hilferufe. Sogar die Mutter, und das ist vielleicht Semis größte Lebensentäuschung. Dafür findet Bierbichler das bedrängendste, unheimlichste Bild am Totenbett. Die Mutter reißt sich die Decke vom nackten, abgemagerten Unterleib, Semi zieht sich aus, legt sich in Embryonalstellung daneben und kündigt an, wieder in sie zurückkriechen zu wollen. 

Nun klären sich auch weitere Motivketten,  etwa vom Ertrinken im See: Am Anfang ersäuft der kleine Bub Pankratz fast bei einer Kirchruderfahrt über den Tegernsee, später versucht der Familienvater Pankratz sich hier in einer eisigen Sturmnacht, eckig durchsetzt von Arien aus dem «Fliegenden Holländer», das Leben zu nehmen; am Ende zeigt eine Rückblende, wie er als Weltkriegssoldat an der Vergasung von zwei Dutzend polnisch-jüdischen Kindern in einem Wehrmachts-LKW beteiligt ist und ihre Leichen in ein Eisloch gleiten lässt. Der Blick der in ihren Tod gehenden Kinder hat Pankratz nie losgelassen, ein Verhältnis zum eigenen Kind unmöglich gemacht.

Keine Hofidylle, keine Naturschwelgereien, keine Brauchtumsverklärung tröstet über Bierbichlers finstere Traumaarbeit hinweg. Einmal, als er nach dem Versuch, in den See zu gehen, frühmorgens auf einer Eisscholle treibt, sieht man im Hintergrund das violett-pinke Alpenglühen. Es wirkt so höhnisch wie manche Kommentare der zwei Stehaufherren im Anzug, die ganz zum Schluss endgültig im See verschwinden.

Eva Behrendt

Unsere Erde 2

Als ich bemerkte, dass ich beim interesselosen Zappen gar nicht so selten bei Naturdokumentationen («Wildes Deutschland», «Die Elbe – von der Quelle bis zur Mündung»), bei Tier- und sogar Zoosendungen hängenblieb, bekam ich einen Schreck: War das jetzt die endgültige Verblödung, musste ich von nun an, der Wahrheit zuliebe, Joppen in Rentner-Beige tragen, oder Daunenjacken?!

Bei einer vorsichtigen Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis stellte sich heraus, dass ich keineswegs alleine war, die Frechsten und Klügsten gaben ungeniert zu, selbst «gelegentlich» solchem «guilty pleasure» zu frönen. Das war vor zehn Jahren, heutzutage kann man mit diesem Bekenntnis niemanden mehr schockieren, Naturdokus-Gucken ist selbst unter Intellektuellen Mainstream geworden. Das gilt aber nur fürs Fernsehen; dafür gezielt ins Kino zu gehen ist in meinen Kreisen immer noch ungewöhnlich, ja fast ein Tabubruch.

Und so fühlte ich mich auch etwas unbehaglich, als ich die Vorstellung von «Unsere Erde 2» (2018, Regie Peter Webber und Richard Dale) besuchte, um 11.20 Uhr, und sich mit mir im großen Kinosaal etwa fünfzehn Personen verloren: fünf Grüpplein von Eltern bzw. (alleinerziehenden?) Vätern mit ihren Kindern, ich der «odd man out», wohl etwas verdächtig wirkend. Doch zum Glück begann nun endlich der Film.

Den ersten «Planet Earth»-Film, auch eine BBC-Produktion, habe ich nicht im Kino gesehen, aber einen Vogelfilm, «Nomaden der Lüfte», der war toll! Bei allen diesen Filmen ist das Schema immer dasselbe, bis ins Detail festgelegt, eine geradezu dogmatische Liturgie. In der Regel ist die Zeit der Taktgeber, ist die Filmerzählung nach Jahreszeiten geordnet. Beliebt ist auch das geographische Prinzip, man fängt im hohen Norden an (Eisbären!), dann die gemäßigten Zonen (ach wie schön grün ist alles bei uns); Afrika und Serengeti, der Amazonas, schließlich Kap Horn und jede Menge Pinguine.

«Unsere Erde 2» ist als Tagesablauf inszeniert, von Sonnenaufgang zu Sonnenaufgang, eine dramaturgische Simplizität, die schon fast ans Genialische grenzt. Der Kommentator aus dem Off ist Günter Jauch, sehr beliebt in Deutschland, wahrscheinlich zu Recht; er ist zwar nicht wirklich sexy, mehr der ewige Bubi, aber man sieht ihn ja nicht. Doch auch seine Stimme ist flach, hat einen dauerironischen Tonfall, der manchmal ins Märchenonkelhafte moduliert, keine schöne, volltönende Männerstimme, da könnte man bei einem Kinofilm eigentlich mehr erwarten. Im Original spricht Robert Redford!

Es stellt sich dann aber heraus, dass Jauch eine kluge Besetzung ist, gerade wegen der genannten Defizite. Denn das diabolische Element dieser Natur- und Tierfilme ist immer die Musik, sie höret niemals auf, es dröhnt und donnert, ein Riesenorchester wispert und schmalzt unerbittlich, und wenn es nicht symphonischer Bombast ist, dann verdoppelt Programmmusik schlichtester Provenienz die Bilder mit lustigen Instrumenten (Tuba!) und bildet das Stampfen der Elefantenherde so genau nach, dass man um Gnade flehen möchte. Gegen diesen primitiven Musikkleister, für den Alex Heffes zur Rechenschaft gezogen werden könnte, ist Jauchs unpathetische Vortragsweise fast erquickend. Und außerdem muss er auch nur ganz gelegentlich und am Schluss die unvermeidliche Ökopredigt halten, dass wir sorgsam mit der Erde und der Natur umgehen sollen, alles nur geliehen für unsere Kinder …

Aber all das ist unwichtig, denn die vier oder fünf Szenen, die man so im TV noch nie gesehen hat, entschädigen, und gar auf der großen Leinwand und in technischer Brillanz. Der Kampf der beiden Giraffenbullen, von einer Gewalttätigkeit, die man diesen gravitätischen und heiterkeiterweckenden Tieren nie zugetraut hätte. Oder die Pottwale, die senkrecht im Wasser schlafen! Und die Glühwürmchen sonder Zahl, die leuchtend zum Liebesspiel einladen. Das Zebrafohlen im reißenden Fluss, es ertrinkt! (Keine Angst, es überlebt.) Es gibt erfreulicher Weise nur sehr wenige Splatterszenen, in denen das Beutetier getötet wird (der Jugendfreigabe sei Dank), meistens entkommt es in letzter Sekunde, und dieses freche Verdrehen der Wahrheit über die Natur und ihre Blutrünstigkeit ist mir ganz recht: Keine Gewalt ist schon immer meine Devise gewesen!

Was der Christenheit Bethlehem, ist dem Naturfreund Galapagos. Hier nun also die Meerechsen, die schon als Frischgeschlüpfte völlig ausgewachsen und lebenstauglich sind und furchterregend aussehen. Da nähert sich eine Schlange! Mehrere, nein viele Schlangen kommen in einem rasenden Tempo angeglitten, dass man dem Baby-Leguan schon die Messe lesen möchte, aber dann sprintet er urplötzlich auf zwei Beinen und komisch-greulich wackelnd davon, dass man tief in den Sessel gedrückt wird vor Spannung und Angstlust. Ob er aber entkommt, verrate ich nicht.

Die allerschönste, allerfrömmste (denn solche Naturfilme, lieber Leser, vielliebe Leserin, sind ja eine Art säkularer Gottesdienst, quasi Spinoza und Pantheismus) Szene aber ist die vom Kolibri und den Bienen: Diese sehen jenen als Fressfeind an und versuchen, ihn beim Nektarsammeln von den Blumen zu verjagen, irgendwo am Amzonas ist das, wo es noch sehr unzivilisiert zugeht. Jeder mag Bienen, auch ich, aber ich mag den Kolibri, den Eisvogel noch ein bisschen lieber. Und deshalb hat es der Schöpfer meinem Verständnis nach weise eingerichtet, dass es dort täglich zur Mittagszeit einen Wolkenbruch gibt, und wenn ein Tropfen auf eine Biene fällt, schmiert sie ab! Das ist ein bisschen erschreckend, doch auch wahnsinnig komisch! Der Kolibri hingegen, der auch nur drei Gramm wiegt, kann so einen dicken Regentropfen wegstecken und ausbalancieren und weiter Nektar schlürfen, während die futterneidischen Bienen Zwangsruhepause haben. Da wird selbst der Atheist ein bisschen fromm und dankt heimlich dem Schöpfer oder meinetwegen der Natur, die noch viel schöner ist als Salomonis Seiden.

Kurt Scheel