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Filme und Serien #3

«Der Hauptmann», «Death Wish»

Robert Schwentke «Der Hauptmann»

Ab 15. März im Kino
Es ist schon sehr viel schwarzes Blut geflossen, als Regisseur Robert Schwentke ungefähr zur Mitte seines Kriegsende-Films «Der Hauptmann» einen «Bunten Abend» im April 1945 stattfinden lässt. Vor grölenden Soldaten, die gerade erst 30 Gefangene – vor allem deutsche Fahnenflüchtige und Plünderer – im Emslandlager 2 erschossen haben, liefern sich Samuel Finzi und Wolfram Koch auf der ranzigen Bühne im Lager-Kasino düster antisemitische Anal- und Popel-Späßchen. Ein Spiel ums Leben: Sie sind selbst Gefangene des Lagers, und der selbsternannte Herr über Leben und Tod in diesen letzten Tagen des II. Weltkriegs, Hauptmann Willi Herold, bittet Finzi danach an den Tisch. Was er denn ausgefressen habe, will der junge Schlächter jovial grinsend vom Schauspieler wissen. Nichts, beteuert der. Aber er solle doch mal so tun, als ob, bohrt der Hauptmann nach, was wäre er denn im Fall des Falles, ein Mörder, ein Dieb, ein Fahnenflüchtiger?

Der perfide Frager (der 24-jährige Max Hubacher, zu sehen auch im Schauspiel Leipzig in Claudia Bauers «König Ubu»-Version von Simon Stephens) weiß genau, was das Als-ob mit einem anstellt. Denn er, von dessen Herkunft und Vorgeschichte wir nichts erfahren, ist gar kein Hauptmann, sondern selbst ein fahnenflüchtiger kleiner Gefreiter, der zu Beginn des Films nur knapp einer besoffenen Horde von Kameraden entkam, in einem verlassenen Militärfahrzeug eine Hauptmannsuniform fand und sich vorm Autospiegel zu einem anderen umzog, den passenden Ton zur Uniform in die Schneelandschaft deklamierend.

Der ebenfalls fahnenflüchtige Freytag (Milan Peschel, gerade am Deutschen Theater als Zuckmayers Hauptmann von Köpenick selbst in einer gestohlenen Uniform unterwegs) läuft ihm über den Weg und wird zum ersten Versuchskaninchen in der Improvisationsübung Befehlshaber. Er wird, zu Beginn widerstrebend und am Ende doch einverständig, Herolds Chauffeur und Mittäter, der erste in einer Reihe marodierender Soldaten, die Herold als angeblich vom Führer höchstpersönlich Beauftragter zum Sonderkommando um sich schart und zu Massenmördern an ihren Landsleuten im Lager macht.

Kleider machen Leute, und du wirst, was du spielst: Meyerholds Biomechanik und die wahre Geschichte des Willi Herold, der 1946, 21-jährig, von einem englischen Militärgericht zum Tode verurteilt wurde, haben das Zeug zum tarantinoesken Splattermovie, und Schwentke gibt seinem Interesse an diesem Genre durchaus eine Menge Raum. Das ist zu ertragen, weil die immer wieder in die Draufsicht aufsteigende Kamera von Florian Ballhaus die Bilder des Grauens in ein abstrahierendes Schwarz-Weiß fasst, die Schüsse vor allem Sound bleiben, die Leichen fern. Schwentke, das ist das größte Wagnis dieses Films, erzählt radikal aus der Täterperspektive. Wie wird ein kleiner Jedermann zum Massenmörder? So, wie man zum Gourmand wird: Der Genuss kommt beim Fressen. Der falsche Hauptmann mordet zu Beginn, um sich in seiner sein Leben rettenden Rolle zu legitimieren, und das Zögern ist Hubacher ins Babyface geschrieben. Doch die Macht zum Töten und Tötenlassen entwickelt ihre eigene Dynamik. Am Ende ist Willi das, was er spielt. 

Die Lust am Töten allerdings ergreift nicht nur den Protagonisten der Geschichte, auch der Regisseur scheint zum Opfer seiner Methode zu werden. Als das Lager, der Ort des Menschenexperiments, von den Alliierten in Grund und Boden bombardiert worden ist, ist der Film noch nicht an sein Ende gekommen. Sämtliche Protagonisten des Massakers überleben, in der nächsten emsländischen Kleinstadt lässt Herold den Bürgermeister abknallen, der die weiße Fahne gehisst hat; die Damen des Städtchen erweisen sich als willige Söldnerhuren und die Gattin des Lagerkommandanten (Britta Hammelstein) als nicht weniger mordverliebt als die Herren.

Auch wenn die letzten 30 Minuten tatsächlich nur die wahre Geschichte des jugendlichen Kriegsverbrechers Willi Herold zu Ende erzählen, tun sie dem Film nicht gut. Dessen Geschichte war auserzählt, als die geklaute Uniformhose, offenbar für einen größeren Hauptmann geschneidert und immer zu lang, endlich auf Willi-Länge gebracht worden ist und Willi explizit verkündet hatte: «Jetzt bin ich der Hauptmann!» 

Barbara Burckhardt

«Death Wish» - Von Rache und Vergeltung

In diesen heilgen Hallen, singt Sarastro, kennt man die Rache nicht – aber zum Glück sind wir im Kino, wo man die Rache sehr gut kennt. Sie ist eines der beliebtesten Motive der Filmgeschichte und funktioniert eigentlich immer.

Die klassische moderne Form zeigt einen netten, liberalen Bürger, mittlere oder obere Mittelschicht, einen Arzt oder Akademiker, dem wir eine Viertelstunde bei seinem guten, erfolgreichen Leben zusehen dürfen, bis ihm dann, aus heiterem Himmel, die Familie genommen wird, Frau und Kind werden vergewaltigt und ermordet, von entmenschten Bestien zumeist unterschiedlicher Hautfarbe.

Da der schlappe Rechtsstaat, eine überforderte Polizei, ein zynisches Justizwesen («Deal») und diabolische Winkeladvokaten die Täter nicht hinter Gitter bringen können oder wollen, sieht sich der nette, liberale Bürger gezwungen, die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Als erstes besorgt er sich eine Wumme (zur Zeit ist die Glock 17 sehr angesagt), dann streunt er nachts durch die Straßen, rettet ein (schwarzes) Mädchen vor (schwarzen) Vergewaltigern, die er, in Notwehr natürlich, leider erschießen muss, aber jetzt hat er Blut geleckt: Das ist ja ganz einfach, und auch irgendwie geil! Testosteron pur!

Die Medien nehmen sich des Falls an, pro und contra Selbstjustiz, da kann man dann, mit Split-Screen, Radio- und TV-Moderatoren reinschneiden, der eine warnt eher vor diesem Vigilanten, der andere, ein weißer, übergewichtiger Redneck-Typ, hetzt gegen die krankhaft liberale, dekadente Gesellschaft und plädiert für ein Großreinemachen.

Am Schluss dann, unser Rächer hat alle Mordgesellen von Frau und Tochter erledigt (viel Geballer, Blut, auch Folter) und noch ein Dutzend anderer Unholde quasi nebenbei zur Strecke gebracht («Darf’s ein bisschen toter Abschaum mehr sein?»), am Schluss schwant der Polizei zwar, dass er der amtierende Vigilant ist, sie kann’s ihm aber nicht nachweisen, und eigentlich macht er doch einen guten Job? Ist nicht sogar die Kriminalitätsrate jüngst wieder gesunken? Also lässt ihn der erschöpfte Detective laufen, nachdem er ihn streng ermahnt hat, solches Handeln auf eigene Faust fürderhin zu unterlassen, der Vigilant verspricht’s auch brav, Ende.

Klingt spannend, oder? Aber das Schema, so hölzern es sein mag, hat damals, 1974, sehr gut funktioniert in «Ein Mann sieht rot» von Michael Winner, mit Charles Bronson in der Titelrolle, und für große Diskussionen gesorgt, weltweit, ein richtiger Blockbuster, der vier Fortsetzungen bis in die neunziger Jahre nach sich zog. Und als sich 1984 ein Weißer in der New Yorker U-Bahn gegen vier schwarze Räuber zur Wehr setzte und diese anschoss, gab es auch begeisterte Zustimmung, nicht nur in den USA. Ich erinnere mich, dass ich mir den Film heimlich ansehen musste, denn meine Freunde hatten ihn als faschistoid bzw. faschistisch inkriminiert und mich vor unerwünschten Nebenwirkungen gewarnt.

Mich aber hat das Rachemotiv immer fasziniert, war ich nicht sogar regelrecht rachsüchtig? «Der Graf von Monte Christo», sowohl der Roman als auch der Film mit Jean Marais, 1954! Oder «Nevada Smith» (1966): Steve McQueen weiht sein ganzes Leben der Rache für die Ermordung seiner Eltern, und als er, nach vielen Jahren Jagd, den letzten, den Hauptbösewicht dann endlich in der Hand hat – lässt er ihn am Leben, und Karl Malden schreit, wütend und verzweifelt, wie viel Spaß es ihm gemacht habe, McQueens Mutter zu vergewaltigen (Vergewaltigung ist in solchen Filmen sowieso das ultimative Verbrechen, nicht Mord). Unser Held aber, nunmehr ein Heiliger und vom Racheimpuls geheilt, verweigert den coup de grace und schreitet ungerührt von dannen. 

Das hat mir damals nicht gefallen, ich hielt es für eine Art christliches Hintergrundrauschen, das solche Filme häufig durchzog, von wegen Vergebung und «Mein ist die Rache, spricht der Herr». Erst viel später habe ich begriffen, dass gute Rachegeschichten nicht mit der finalen Rache enden dürfen, weil sonst der Rächer für alle Zeiten dem Täter verbunden bleibt, er sich aber von ihm befreien muss, will er ein eigenes Leben führen.

Der Rachegedanke, der Rachewunsch ist ein sehr starker Antrieb, für den man sich nicht rechtfertigen oder schämen muss, er ist ja, genau besehen, die Grundlage des Rechts – spätestens wenn Sie «Vergeltung» statt «Rache» einsetzen, sollten auch Sie mir zustimmen können, lieber Leser, vielliebe Leserin. Das Problem ist: Die Erfüllung des Rachewunsches befriedigt offenbar nicht, vielen Rächern wird sie, schon im Vollzuge, abstoßend. Und man muss nur Lee Millers Fotos der verprügelten, zu Tode geprügelten KZ-Wächter sehen, die es ja nun wirklich verdient haben, um zu begreifen, dass es kaum möglich ist, Genugtuung zu empfinden ob dieser verwüsteten Visagen, fast fühlt man eine Art Mitleid.

Ich breche hier ab und ziehe den Schluss: Ein Roman, ein Film über Rache, der dies nicht bedenkt, dass nämlich die Erfüllung der Rachephantasie moralisch und politisch verhängnisvoll ist, und zwar unabhängig von allen christlichen Dogmen, ist unterkomplex, um nicht zu sagen doof. Das aber ist der Film «Death Wish» (2018, Regie Eli Roth), ein uninspiriertes, von Lustlosigkeit und Desinteresse zeugendes Remake des Bronson-Films. Bruce Willis ist zwar der sehr viel bessere Schauspieler, und er sieht immer noch gut aus, eine Zierde der «bald community», aber er fühlt sich in seiner extrem unglaubwürdigen Rolle sichtbarlich so unwohl, dass man kaum hinschauen mag. Der Regisseur traut sich nicht einmal, die sozusagen faschistischen Potenzen, die in dem Thema liegen, herauszukitzeln, das bloße Gesicht des Donald Trump ist tausendmal gemeiner, niederträchtiger als dieser halbherzige Film, der nur ein bisschen Kohle abgreifen will, ohne sich die Hände gar zu sehr schmutzig zu machen. Es ist der schlechteste Film, den ich in den letzten sechs Monaten im Kino gesehen habe. (Der längste und irgendwie auch intelligenteste Rachefilm ist natürlich Quentin Tarantinos «Kill-Bill»-Trilogie.)

Kurt Scheel