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«Pelléas et Mélisande»

Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet choreografieren Debussy an der Opera Vlaanderen

Von Hartmut Regitz

Schwer zu sagen, wer sie ist. In Antwerpen ist Mélisande anfangs noch ein Mädchen. Aber je länger es sich in den Schnüren verstrickt, die sich zu magischen Dreiecken formen, am Ende gar zu einem Stern, desto mehr wandelt sie sich zur Spinnwebfrau: eine schimmernde Gestalt, durchscheinend fast im fleischfarbenen Kostümgespinst von Iris van Herpen, das sie mehr ent- als verhüllt. Sie könnte von einem unbekannten Planeten stammen, beauftragt mit einer Mission.

Der Raum deutet darauf hin: Schwarz gewölbt, gleicht er einem Observatorium. Und wie mit dem Hubble-Weltraumteleskop fotografiert, werden auf einer kreisrunden Projektionsfläche darin denn auch immer wieder ferne Galaxien sichtbar, die einen das Außerirdische ahnen lassen, das sich hier ganz weiblich in einem «Beziehungsgeflecht» gestaltet. Fast ist man versucht, von einem Astralleib zu sprechen. Doch den kann man bekanntlich nicht schwängern. Dennoch geschieht dies im weiteren Verlauf der Oper, wird aber nicht wirklich erklärt. «Ne me touchez pas, ne me touchez pas», singt Mélisande, als sie Golaud gleich zu Beginn in Besitz nehmen will.

Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet haben Debussys tragédie lyrique gemeinsam inszeniert und choreografiert. Beide lassen sich dabei vorbehaltlos auf das Sehen und Gesehenwerden ein, das Marina Abramović in ihrem Bühnenbild konkretisiert. Die prominente Künstlerin hat sich schon immer mit diesem Doppelthema beschäftigt – zuletzt 2010 in ihrer aufsehenerregenden Performance «The Artist is Present» im New Yorker MOMA, bei der sie drei Monate lang einen extremen Blickkontakt mit einzelnen Besuchern provozierte.

Hier, in ihrer ersten Opernarbeit, lassen sich ihre Erfahrungen insofern sinnvoll umsetzen, als der abgedunkelte Kugelraum nicht einfach nur ein Planetarium darstellt. Es kann sich ebenso gut um einen Augapfel handeln, in dem sich die Welt, wie durch eine Pupille betrachtet, auf der Netzhaut des Publikums ganz individuell abbildet. Wer weiß schon, ob sich das Draußen drinnen wirklichkeitsgetreu widerspiegelt? Prägt nicht vielleicht der Wille maßgeblich unsere Vorstellung?

Der Fantasie ist gleich in doppelter Hinsicht Tür und Tor geöffnet, und alle Beteiligten verfügen darüber genug. Nicht gezwungen, das fiktive Schloss Allemonde so mittelalterlich zu materialisieren, wie es Maurice Maeterlinck 1892 in seinem Theaterstück «Pelléas et Mélisande» beschrieben hat, bestückt Marina Abramović die Bühne mit «Transitory Objects», wie sie sagt: gigantische Salzkristalle, die drohend von der Decke hängen, sich zwischendurch schon mal zu einem Säulenrund à la Stonehenge formieren, immer etwas Enigmatisches besitzen, das sich auf vielfältigste Weise deuten lässt. Signalwirkung haben sie allemal, optisch geben sie einiges her, und in Verbindung mit den interstellaren Projektionen Marco Brambillas lassen sie der Geschichte wie der Musik so viel Raum, dass sich Emotionen frei bewegen können.

Schließlich sind Cherkaoui und sein Kompagnon nicht umsonst von Haus aus Choreografen. Auf Tanz verzichten sie selbst bei dieser Oper nicht, für die Claude Debussy eigentlich kein Ballett vorgesehen hat. Die sieben Ensemblemitglieder des Ballet Vlaanderen drängen sich nie vor, halten sich eher schattenhaft im Hintergrund: als düstere Vorahnungen dessen, was einmal geschehen könnte.

Als Ausdruck des Unbewussten, auch des Ungesagten, verfestigen sich die Tänzer wie im zweiten Akt für Momente zu einer Brunnenfigur, die die Gefühle von Pelléas und Mélisande wie eine Skulptur sichtbar macht. Gelegentlich fächern sie eine Sängergeste in ihrer ganzen Sinnhaftigkeit auf, als handele es sich dabei um eine Bewegungsstudie des britischen Fotografen Eadweard Muybridge. Oft sind sie auch als menschlicher Fries gestaltet. Nur in einer einzigen Szene werden die Tänzer wirklich aktiv. Sie sind es, die Pelléas stellvertretend den Todesstoß versetzen, den sein Widersacher hinter einem Vergrößerungsglas lediglich anzudeuten scheint.

All das fügt sich wie von selbst zu einem Ereignis von eminenter Symbolkraft, unter dem der Höreindruck nicht im Mindesten leidet. Im Gegenteil. Alejo Peréz hat das Werk schon einmal an der Opéra de Lyon dirigiert; diese Erfahrung kommt ihm bei der Koproduktion mit Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, der Opéra national du Rhin, GöteborgsOperan und dem Grand Théâtre de Genève auf eindrucksvolle Weise zugute. Das Symfonisch Orkest der Opera Vlaanderen lässt es unter seiner Leitung an Farbigkeit nie fehlen, lichtet das Dunkel der Musik immer wieder so auf, dass ihre Abgründe erkennbar werden. Dort verortet auch Leigh Melrose den Golaud, ohne seinem Bariton deswegen das noble Timbre vorzuenthalten. Lyrisch hell und bisweilen beinahe heldisch: Jacques Imbrailo als sein Halbbruder Pelléas.

Alle überstrahlend, und das auch im bildhaften Sinne, gibt Mari Eriksmoen die Mélisande, die sich weder von Arkel (etwas eintönig: Matthew Best) noch von Geneviève (Susan Maclean) vereinnahmen lässt: eine Sopranistin von erstaunlicher Stärke und hier doch eine femme fragile, wie sie sich Männerfantasien (zumindest in der Vergangenheit) erträumten. Schwerelos wird sie am Ende wieder dorthin entrückt, woher sie womöglich gekommen. Alles Leibliche bleibt zurück – und «la pauvre petite», die vielleicht eines Tages Mélisandes Mission erfüllt. Ganz wie der kleine Gottfried im «Lohengrin»: eine Assoziation, die den erklärten Wagner-Gegner Debussy zweifellos irritiert hätte.

Am 3. und 4. März in Antwerpen, am 14. und 16. Juni im Grand Theatre de Luxembourg zu sehen.

https://operaballet.be/nl/programma/2017-2018/pelleas-et-melisande