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in memoriam Harry Kupfer

Zwischen Apokalypse und Slapstick
Der Regisseur als Entdecker

Für Kupfer waren Partitur und Bühnen-Realität wie Yin und Yang: ineinander verschlungen, nicht aber identisch oder auch nur parallel. Einen Spieler, gar dadaistischen Provokateur konnte man ihn gewiss nicht nennen, auch wenn er sogar Musicals inszeniert hat, in Wien, wo man sein «Ring»-Konzept allerdings torpedierte.

Er nahm die Werke ernst, entdeckte in ihnen die condition humaine wie das Wetterleuchten historisch-politischer Katastrophen: der Krieg als Verderber allen Lebens. So ist in Richard Strauss’ «Elektra» nicht die Tochter die Hauptfigur: Als riesiger Torso mit zerfressenen Armen überragt der Stiefel-Agamemnon einen brüchigen Globus, herabhängende Seile strangulieren schließlich Elektra. In Stuttgart realisierte Kupfer geradezu eine Militär-Trilogie, in der sich Mozarts «Idomeneo»-Elettra ersticht, Bergs «Wozzeck» zum Totentanz wurde und Zimmermanns «Soldaten» zur makabren Revue mutierten.

Das Apokalyptische und das Groteske bildeten ein Amalgam. Wobei es zu den Verdiensten Wolfgang Wagners gehörte, dass er nach dem anfangs befehdeten «Ring» von Patrice Chéreau und Pierre Boulez und der flauen, romantisch-realistischen Tetralogie von Georg Solti und Peter Hall den Zyklus Harry Kupfer anvertraute, der 1988 Mythisches und Slapstick zusammenbrachte, die «Straße der Geschichte» ins Leere richtete und eine zerborstene Turbine zum Action-Vehikel für Siegfried und Mime machte, auf dem sie eine Höllen-Burleske vollführten. In dieser Installation ließen sich Reflexe sowohl auf die marode DDR als auch auf Tschernobyl entdecken. Kupfers Fähigkeit, individuelle wie kollektive Bewegung in Permanenz atemraubend virtuos bis zur Parterre-Akrobatik zu organisieren, hat sich manchmal, so beim Kölner Janáček-Zyklus, verselbstständigt, war gleichwohl meist immanent motiviert.

Den ganzen Nachruf auf Harry Kupfer
von Gerhard R. Koch finden Sie in Opernwelt 2/20

 

 

 

Ein großer Geschichtenerzähler
Anja Kampe über Harry Kupfer

Harry war zunächst einmal unglaublich gut organisiert, jede Probe perfekt vorbereitet. Alles war genauestens recherchiert und festgelegt, bis in die letzte Einzelheit. Heute wird diese Arbeit von Dramaturgen erledigt, wenn überhaupt. Für Harry kam das nicht infrage. Er war viel zu fleißig und zu klug, um diese grundlegenden Recherchen anderen zu überlassen. Doch bei aller Detailversessenheit blieb er aufgeschlossen und offen für seine Darsteller. Die Basis war seine unglaubliche Musikalität. Alles, wirklich jedes noch so winzige Element seiner Inszenierungen, entstand aus der Musik heraus. Harry Kupfer war vor allem ein begnadeter Geschichtenerzähler, genau das, was dem Publikum heute so oft fehlt. Dabei blieb er immer bescheiden, stellte eigene «Eitelkeiten» weit hinten an. 

Für ihn zählte nur, den Menschen die Geschichte zu vermitteln, natürlich aus seiner Sicht. Das forderte er bei den Proben ein – besessen, ernsthaft, ja fast pingelig. Durch genaue Analysen der Figuren, ihres Charakters und der jeweiligen Situation brachte er uns dazu, die eigene Motivation und individuelle Gesten zu finden. Er spielte kaum etwas vor, aber das war auch nicht notwendig, denn durch die richtige innere Einstellung und das genaue Gespür für den Untertext findet man auch die richtige Körperlichkeit. Harry nahm einen an die Hand, aber er ließ auch früh genug wieder los, damit wir lernten, allein weiterzugehen.

Einen wie ihn werden wir wohl nicht mehr erleben: Man merkte ihm in jedem Moment die Freude an der Arbeit an. Eine Chorprobe mit Harry zu erleben, gehört für mich zum Größten, was einem im Sängerberuf passieren kann: Er konnte jedes einzelne Mitglied des Chores motivieren, zu einem individuellen Darsteller formen.

Anja Kampes Erinnerungen an Harry Kupfer
finden Sie in Opernwelt 2/20