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Damit sie ein Mädchen wird...

Die ungewöhnliche Ballett-Geschichte der Annabelle Lopez Ochoa

Ein Bolzplatz, irgendwo in Brüssel, Anfang der 1980er-Jahre. Eine Jungs-Combo drischt den Ball ohne Rücksicht auf Verluste und obwohl ein Steppke mit von der Partie ist, der kaum mithalten kann. Er rackert und ackert, was das Zeug hält. Nützt alles nichts. Am Ende des Nachmittags mosern die Kicker den größeren Bruder an – kann der Winzling da nicht künftig daheimbleiben? «Von wem redet ihr? Ihr meint wohl meine kleine Schwester!», entgegnet der Zehnjährige. Woraufhin sich die übrigen Kerle auf das Mädchen stürzen, ihm an die Unterhose wollen, die es mit Socken auf Gemächtmaß gepolstert hat. Der Bruder wirft sich schützend vor die Schwester, bringt seine Kumpels zur Vernunft, trotzdem hat er die Schnauze gestrichen voll. Schnurstracks läuft er heim und berichtet der Mutter, was geschehen ist. Die resolute Frau, Krankenschwester von Beruf, fasst umgehend einen Beschluss: «Ich habe einen Sohn, ich habe eine Tochter – und die geht ab sofort ins Ballett. Damit sie ein richtiges Mädchen wird.»

Entsetzliche Strafe für eine Achtjährige, die noch nie eine Vorstellung gesehen, geschweige denn ein Tutu getragen hat. Ja, die eigentlich nur eins will: ein Junge sein. «Weil Jungs jede Menge Abenteuer erleben und pausenlos Kämpfchen austragen dürfen. Und irgendwann ziehen sie frisch-fröhlich in die Welt hinaus nach dem Motto – alles meins!»

Das Porträt der Choreografin Annabelle Lopez Ochoa
von Dorion Weickmann lesen Sie in tanz 2/20