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Momente der Wahrheit

Karita Mattila über Twitter, Valery Gergiev und das Lebens abseits der Oper

Sie haben die Tür zu Ihrem Privatleben ziemlich weit geöffnet – für alle. Sie twittern sehr gern. 
Twitter ist fantastisch! Wie ein Theater! Es gibt zauberhafte Menschen, denen ich folge oder die mir folgen. Einige habe ich auch schon getroffen, wir sind Freunde geworden. Gut, manchmal wird man auch desillusioniert ... Natürlich ist jetzt mehr öffentlich geworden von mir. Die Leute spüren, dass es für mich auch ein Leben abseits der Oper gibt. Ich hatte früher große Vorurteile gegenüber den Sozialen Netzwerken. Ein gutes Jahr nach meiner Scheidung spürte ich, dass ich irgendetwas tun musste. Ein Freund brachte mich auf Twitter. Was sehr gut passte: Mein Ex-Mann ist nämlich auf Facebook. Und jetzt bin ich süchtig. Selbst wenn ich mal nicht perfekt aussehe auf den geposteten Fotos, schwitzend im Fitnessstudio zum Beispiel, wird das geklickt. Man wird dadurch ein Stück weit normaler. 

Viele Sänger sind in diesen Netzwerken aktiv. Manche lassen das von ihrem Management erledigen. Meist wird dadurch nur ein kleiner Ausschnitt ihres Lebens zu PR-Zwecken widergespiegelt. Haben Sie nicht Angst, dass Sie zu viel von sich preisgeben?
Nein. Mich hat man vor vielen Jahren einmal gewarnt, weil ich zu offen sei und darunter noch leiden werde. Meine Lehrerin sagte dann zu mir: «Du kannst dich nicht künstlich schützen. Du bist, wie du bist. Die Natur wird dich lehren, dich zu schützen.» Diese Philosophie habe ich beherzigt. Ich habe breite Schultern, nicht nur physisch. Wenn man viel gibt, dann kann man auch nehmen – und auch etwas erleiden, das ist eben das Risiko. Im Zweifelsfall kann man jemanden auf Twitter blocken.

Unerschrocken zeigen Sie sich nicht nur im Internet. Als 2014 die Münchner Philharmoniker in New York gastierten, Lorin Maazel krank wurde und Valery Gergiev einspringen sollte, weigerten Sie sich wegen seiner Putin-Nähe, unter ihm die «Vier letzten Lieder» von Richard Strauss zu singen. Man holte Fabio Luisi.
Ich will jetzt meine Kolleginnen und Kollegen nicht kritisieren, aber viele sind, was solche Dinge betrifft, sehr leise. Alle wollen immer ein ruhiges Leben führen und ungestört Karriere machen. Ich spürte immer, dass ich mir treu bleiben muss. Für mich war es wichtig, dass ich auch an diesem Abend der «Vier letzten Lieder» in den Spiegel schauen kann. Ich wusste, dass es Konsequenzen geben würde. Aber das war mir egal. Es drehte sich um einen Moment der Wahrheit in meinem Leben: Was ist mir wirklich wichtig? Natürlich die Karriere, das Geld, aber eben auch Prinzipien.

Sollten Künstler öfter den Mund aufmachen – wie der Pianist Igor Levit?
Ich folge ihm auf Twitter, und er folgt mir! Die eigentliche Frage lautet doch: Wie möchte ich mein Leben für mich richtig führen? Ich bin nicht nur Opernsängerin. Unser Beruf bedeutet nicht, nur Arien zu singen. Es ist eine kollektive Profession. Es dreht sich also nicht nur um mich allein. Und wenn ich solche Entscheidungen wie in New York treffe, dann muss sich das für mich natürlich anfühlen. Valery Gergiev ist ein Dirigent, der sich politisch für eine Seite engagiert. Eigentlich kann er nicht erwarten, dass alle, die unter ihm singen und spielen, das ausblenden und sich der Situation automatisch fügen. Es gibt ja nicht nur politische Gründe für solche Entscheidungen: An der Mailänder Scala habe ich nach einem Liederabend entschieden, dort nicht wieder aufzutreten. Das Publikum benahm sich scheußlich, das werde ich nie vergessen.

Das ganze Interview mit Karita Mattila
von Markus Thiel finden Sie in Opernwelt 2/20