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Rezensionen 8. Februar

Foto: Bernhard Weis

Stuttgart: Weill/Brecht «Die sieben Todsünden»

Am 12., 17. 25. Februar, 2., 10., 23., 30. März an der Stuttgarter Oper

Kapitalismuskritik, Songstil der Roaring Twenties und ein Theaterskript zwischen Kabarett und Lehrstück wie «Die sieben Todsünden», die letzte gemeinsame Arbeit des Erfolgsduos Brecht/Weill aus dem Jahr der faschistischen Machtergreifung 1933 – kann man damit heute noch Aufsehen erregen? Nein, sagt die Regisseurin Anna-Sophie Mahler, die das halbstündige Ballett mit Gesang jetzt in einer Koproduktion von Oper, Ballett und Schauspiel im Stuttgarter Schauspielhaus inszeniert hat. Und bringt darum mit der kanadischen Electroclash-Sängerin Peaches eine queere Performerin auf die Bühne, die dem Abend eine ganz eigene radikalfeministische Note gibt und uns Brecht neu sehen, Weill neu hören lässt.

Brecht schickt seine Protagonistin Anna auf die Reise. Sie soll für ihre Familie anschaffen, damit diese sich ein Häuschen finanzieren kann. Bei Mahler wird Annas Lebensweg zum Kampf mit sich selbst – zum Boxkampf in einem die Szene beherrschenden Ring (der Box-Fan Brecht wäre begeistert gewesen), aufgeteilt auf zwei Personen, die Schauspielerin Josephine Köhler und den Tänzer Louis Stiens. Beide fighten, tanzen und singen in sieben, grotesk komisch choreografierten Runden, die keinen Moment Langeweile aufkommen lassen. In Ringrichter-Montur sekundiert das Männerquartett der Familie, während die ihren Part englisch singende Peaches den Faustkampf mit Annas Songs lässig-herb, ja höchst unbeteiligt kommentiert.

Am Ende der Parabel bricht die Anna Josephine Köhlers ins Heute auf und inszeniert sich mit einem wütenden Monolog aus Virginie Despentes’ Erfolgsbuch «King Kong Theorie» als Racheengel der «hässlichen, schlechtgefickten und unzufriedenen Frauen». Als rhetorisch glänzende «Proletin der Weiblichkeit» gibt Köhler die Bühne frei für Peaches’ 30-minütigen Soloauftritt – eine perfekte Licht-Show, die das Schauspielhaus in eine wummernde Disco verwandelt. Jeden ihrer sieben Songs widmet die Punk-Ikone wie Brecht/Weill einer Todsünde und fegt sie mit selbstbestimmt weiblicher Überwältigungsstrategie hinweg – einen alle Schamgrenzen einreißenden, alle Sinne überwältigenden sexuellen «Stargasm» mit Multi-Busen, tanzenden Vulva-Gesichtern und einem aufblasbaren Riesen-Schwanz. Das ist von aggressiv vulgärer Direktheit – «Put your dick in the air!», «Fuck the pain away!» – und bleibt gerade in der Überdrehung allemal glänzend inszeniertes Theater mit einem deftigen Schlag Selbstironie.

Mit diesem von den Fans heftig akklamierten Paukenschlag hätte der klug gesampelte Abend aus Hochkultur und Underground, aus Wort, Tanz und Gesang enden können, aber Mahler zieht noch eine letzte Karte. Wenn sich der Pulverdampf des Electroclash verzogen hat, steht vorn an der Rampe Anna als alte Frau – Melinda Witham, seit 1973 Mitglied des Stuttgarter Balletts, zuletzt als Charakterdarstellerin –, und von der Brandmauer her erklingt zaghaft geheimnisvolle Musik: Charles Ives’ Kultstück «The Unanswered Question». Während die Solotrompete siebenmal die immerwährende Frage nach dem Wohin des Lebens stellt, schreitet Witham wie eine antike Sibylle mit suchenden Armen und tastenden Händen auf die Wand zu, bis sie schließlich im Dunkel der verlöschenden Musik entschwindet. Ob sie vom Paradies der Freiheit angesogen oder aus diesem vertrieben wurde, bleibt offen. Am Ende der irritierenden, verstörenden, bewegenden vier Erzählungen über ein ganzes Frauenleben, die Mahler zu einem großen Theaterabend reiht, enthusiastischer Beifall für alle Beteiligten – für das um den Boxring sitzende, den Weill-Ton süffig musizierende Staatsorchester und seinen Dirigenten Stefan Schreiber, für die Solisten, nicht zuletzt für die bei Weill so gar nicht starlike sich gerierende, sondern ganz ins Ensemble einfügende Peaches.

Uwe Schweikert

https://www.oper-stuttgart.de/spielplan/18-19/die-sieben-todsuenden/