Medientipp 25. Januar
«Labaule & Erben»
Die Idee für die Serie stammt von Harald Schmidt. Das merkt man: Sie ist brillant und bieder zugleich, wie es auch seine Late Night Show war. Sie spielt mit Klischees und Vorurteilen, decouvriert & denunziert diese scheinbar gnadenlos – und bedient sie im selben Moment sehr nuttig, wie Schmidt sagen würde.
Es geht um Sterben & Erben, aber vornehmlich ums Überleben einer ehrwürdigen Verlegerdynastie und ihrer regional regierenden Zeitung. Familiäre Degeneration und struktureller Medienwandel haken sich munter unter, alle marschieren flugs Richtung Farce und Abgrund. Am Klippenrand aber heben die lauen Lemminge ab und mutieren zu Falken, Friedenstauben und Zaunkönigen. Journalismus, ein Fernsehmärchen.
Verleger leben hier naturgemäß, weil TV-gerecht wie die soaphaften Guldenburgs. Feuilletonredakteure schreiben 1000-seitige Romane. Eheleute gehen spießig fremd mit der Sprechstundenhilfe oder dem Gesundheitsguru. Redigiert wird in einer Redaktion fast nie, dafür intrigiert, manipuliert, erigiert, kopuliert und pokuliert.
Die ganze Welt ist eine Bühne – und alle Akteure sind veritable Serientäter. Gute Schauspieler bleiben dabei gute Schauspieler, schlechte schlechte. Es ist eine zutiefst deutsche Serie, also fern jener Realität, die vermeintlich abgebildet wird. Aber das ist auch gut so. Sonst wäre ja der Spaß schnell vorbei und viele fernsehfette Schenkel blieben ungeklopft.
Im SWR wird seit dem 10. Januar je donnerstags eine Folge gesendet mit der Beständigkeit der schwäbischen Kehrwoche, obwohl der Spielort Freiburg, also in Baden, sein soll. In der SWR-Mediathek gibt es die ersten sechs «Labaule»-Lustbarkeiten auf einen Streich. Wer dort «einschaltet», wird nach dem seichten Stoff süchtig wie nach gesalzenen Erdnüssen oder rosanen Schaumbohnen. Am Ende ist man bis obenhin voll und hat ein schlechtes Gewissen, obwohl – nein: weil es Spaß gemacht und gleichzeitig Übelkeit gebracht hat.
Hunderttausende haben sich schon satt geschaut. Ich auch. Binge watching heißt die Krankheit. Ist nicht typisch deutsch, sondern typisch (main-)streaming. Also voll modern. Oder so.
Michael Merschmeier