Rezensionen 22. Februar
Zürich: Ruedi Häusermann «Henosode – Salon des Gelingens»
Am 26., 28. Februar, 1., 3., 6. März im Schauspielhaus – Box im Schiffbau
Naturgesetze sind nicht unüberprüft hinnehmbar, da hat Ruedi Häusermann Recht. Wo stünden wir schon, hätte die Menschheit dem Schein des Faktischen immer blind vertraut? Die Finsternis zum Beispiel, wie sie in der Zürcher Schiffbau-Box herrscht, sobald die Technik das Licht ausdreht, besitzt die Eigenschaft, dass man nichts sieht und dennoch gut hört. Das Phänomen hat angesichts der sinnlichen Überwältigungskraft totaler Dunkelheit sein Aha-Effektpotenzial – umso mehr, als man im Finsteren sogar hört, dass man nichts hört. Klaus Brömmelmeier und Herwig Ursin weisen das nach, im akustischen Feldversuch ziemlich zu Beginn von Häusermanns Musiktheaterabend «Henosode – Salon des Gelingens».
Praktische Grundlagenforschung zur Schnittmenge von Musik und Szene, von Hören und Sehen ist ohnehin Ruedi Häusermanns Ding. Die zehnte Arbeit des 70-jährigen Schweizer Theatermachers und Komponisten für das Schauspielhaus Zürich ist, wie eigentlich jede seiner fein versponnenen Klang-Bild-Welten, eine Zuhör- und Überallhinsehschule. Jede Szene ein Experiment, jedes Experiment ein kleiner Triumph über das Scheinlogische.
So werfen die Akteure Klaus Brömmelmeier, Herwig Ursin und Matthias Neukirch mit mobilen Flutern drei Lichtschlitze an die Betonwand, sie löschen die Leuchten, doch die Lichtschlitze bleiben, ja, sie lassen sich einzeln von Hand verschieben. Die Musik dazu schwebt wie absichtslos durch den Raum, aber wenn die Streicher (Sara Hubrich, Josa Gerhard, Benedikt Bindewald, Christoph Hampe) über die Saiten flattern, raschelt jedes Topfgewächs mit den Blättern. Häusermann-Kompositionen heißen «Quartett 3 Trauermarsch ohne Geige» oder «Durchzug im Salon 1», die Titel werden über riesige Aluminiumflüstertüten angekündigt, durch deren Trichter sich auch eine Melodie einfangen lässt, man muss nur eine Plastiktüte unter das Loch halten, sorgsam, auf dass kein Ton entschlüpfe. Dann musiziert die mit Schallwellen gefüllte Tüte piano, piano von allein weiter. Man würde das dem Klangzauberer Häusermann nur zu gerne glauben.
«Durchzug im Salon 2» enthält eine Sequenz für Windmaschine, weshalb die Musiker den verstreuten Notenblättern hinterhergeigen müssen. Sie tun das mit Würde, so wie Herwig Ursin die Stalking-Anrufe seiner Mutter mit Würde erduldet. Bei Häusermann haben das Schnellverwehende und das Nichtverwertbare nun einmal Ehrenplätze.
Die Szenenfolge von «Henosode» wirkt frei assoziativ, wie der locker an eine mundartliche Redensart angelehnte Titel («he no so», etwa: «so ist es halt»). Doch auf Zufälligkeiten verlässt sich Häusermann ganz und gar nicht. Er ist ein Tüftler – und ein fröhlicher Humorist. «Es wäre unhöflich, den Siegeszug des technischen Erfindungsgeistes nicht schlankweg zuzugeben», zitiert ein Sprecher wie aus einer aphoristischen Eingebung heraus Robert Walser. Prompt entschweben Notenständer. Manchmal hustet ein Kaffeeautomat, ein WC-Handtrockner braust auf, Spiegelbilder tanzen treppauf, treppab. Das Streichquartett stellt, an Seilzügen hängend, eine Biedermeiersalonwand senkrecht, die bis dahin unter dem Orchesterpodest verborgen war. Am Ende schwingen zwei Pendelleuchten vor einer puppenstubenhaften Prospektidylle, die Lampen läuten wie Glocken. Für einen illusionären Augenblick scheint es, als brächte Häusermann Klang und Licht tatsächlich zum Verschmelzen.
Stephan Reuter