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Medientipp 25. Januar

«The Favourite. Intrigen und Irrsinn»

Ein großartiger Film. Und dann noch 10 Oscar-Nominierungen!

Ein Frauenfilm. Es geht um Frauen mit Power und Frauen, die miteinander Liebe probieren, gegen alle Usancen. Die Handlung spielt im politisch wirren England Anfang der 18. Jahrhunderts. Da sind bei Hof Liebe und selbst Triebe immer auch eine Staatsaffäre. Erst recht bei der ziemlich tumb wirkenden Queen Anne, der letzten Stuart auf dem Thron, die in ihre Hofdamen mindestens so vernarrt ist wie in ihre siebzehn Kaninchen, die – jedes repräsentiert und hat den Namen eines ihrer früh verstor­benen Kinder – ihre königlichen Gemächer bevölkern. Ist es auch Tumbheit, hat es doch Methode: Die Herrscherin ist letztlich raffinierter, als es ihr Dachsgesicht erahnen lässt. 

Ein KINOfilm. Kein Historienschinken in Breitwandcolor. Die Kamera blickt gleichsam aus der Kaninchen-Perspektive aufs Geschehen, das in natürliches Licht getaucht ist, als würde ein querformatiges flämisches Genrebild das Laufen lernen. Die Bilder wirken so größer, überwältigender und dichter, als das bei effizient durchkalkulierter Kameraführung der Fall wäre. Der Zuschauer wird von der Handlung umarmt, ist teilnehmender Beobachter. Kamera, Schnitt, Kostüm und Set – alles ist Oscarpreis-würdig!

Hinzu kommt der beiläufig brillante Witz der Dialoge, die wie in einer ironischen Screwball-Comedy des 30-er-Jahre Hollywood klippklappen. Gewitzt, geistes­blitzend, florettscharf – ein Oscar auch fürs Drehbuch! Diese Wort-Duelle brauchen naturgemäß heraus­ragende Schauspielerführung – ein Oscar an die Regie! 

Olivia Colman als schwerblütige, schwermütige, in labilem Leid und gichtigem Leib gefangene Queen Anne ist das gravitätische spielerische Fundament, auf dem die um ihre Favoritinnen-Rolle fightenden Rivalinnen – Rachel Weisz als allmächtige Lady Churchill und Emma Stone als deren nur anfangs harmlose Cousine Abigail Masham – ihren intriganten Hennenkampf austragen. Bravourös, gemein, gnadenlos und mit schönster Eleganz wird um Platz Eins an Thron & Bett der unberechenbaren Herrscherin geschleimt und gegiftet. Alle drei haben Oscars verdient, wobei es für die beste weibliche Nebenrolle leider nur einen gibt. 

Und natürlich muss es auch einen Oscar für den besten Film geben. Nach Lanthimos’ letzten Werk, dem symbolüberfrachteten und scheingeheimnisvollen  «The Killing of a Sacred Deer», hatte ich durchaus Angst vor «The Favourite». Und wurde doch sogleich in den Bann der opulenten und dabei feinst facettierten Bildwelt gezogen: perfekte Unterhal­tungs­kunst, die einen überdies leichthändig neugierig macht auf «die wahre Geschichte» hinter der Kino-Erzählung. Ein gelungenes Kunst-Stück. 

Michael Merschmeier

Für den Oscar nominiert als: Bester Film: Ceci Dempsey, Ed Guiney, Yorgos Lanthimos, Lee Magiday; Beste Regie: Yorgos Lanthimos; Bestes Originaldrehbuch: Tony McNamara; Beste Hauptdarstellerin: Olivia Colman; Beste Nebendarstellerin: Emma Stone und Rachel Weisz; Beste Kamera: Robbie Ryan; Bester Schnitt: Yorgos Mavropsaridis; Bestes Szenenbild: Fiona Crombie, Alice Felton; Bestes Kostümdesign: Sandy Powell