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Rock the Ballet

Ein Erfolg auf Jubiläumstour

Man hört, wie Tanzschuhe sanft über den Boden schleifen, hin und wieder ein leises Schnalzen oder ein halblautes «one, two, three, four». Geübt, konzentriert bewegen sich 17 Tänzerinnen und Tänzer auf und über die Bühne. Sie machen sich warm, jeder für sich. Dehnen, Strecken, Liegestützen, Pliés oder Übungen aus dem Cardio-Fit-Bereich. Hier und da geht jemand einzelne Choreografien durch, deutet Bewegungsabläufe an, lässt sie verebben und setzt noch einmal von vorne an. Achtsame Gleichzeitigkeit beherrscht die Bühne auf dem Hamburger Kampnagel-Gelände. Hinten rechts streckt eine Tänzerin ihr Bein in die Senkrechte, während vorne am Rand eine andere ein Dutzend Pirouetten vollführt. Nur wenige Meter daneben wiederholen drei Tänzer eine Hebefigur. Ihre Arme bilden eine Treppe, die in den Bühnenhimmel führt. Leichtfüßig balanciert Adrienne Canterna diese hinauf. Oben angekommen, biegt sie ihren Oberkörper weich nach hinten. Und wirft, von den Händen der Kollegen gestützt, ihren schmalgliedrigen Körper in einen luftigen Spagat. Die Leichtigkeit fasziniert und ist doch Ergebnis eines langjährigen harten Trainings. Bei Anterna wie bei allen Tänzern, die in «Rock the Ballet X» vollen Einsatz geben – also das, was sie von Kindesbeinen an in Ballettstudios gelernt haben.

Adrienne Canterna ist nicht nur Tänzerin der Show, sondern zeichnet auch für Choreografie und künstlerische Leitung verantwortlich. Vor zehn Jahren von Rasta Thomas gegründet, ist «Rock the Ballet» eine der erfolgreichsten Shows weltweit: über eine Million verkaufte Tickets, 800 Vorstellungen in 20 Ländern. In Hamburg wurde das Event 2008 aus der Taufe gehoben, und dass die Jubiläumstournee nun ebenfalls von dort aus startet, weckt Erinnerungen: «Hier aufzutreten, fühlt sich an, wie nach Hause zu kommen», schwärmt Canterna, und ihr Blick bekommt dabei tatsächlich etwas Wehmütiges. Mit ihrem zartgliedrigen Körper, den weißblond gefärbten, halblangen Haaren und den kirschrot geschminkten Lippen wirkt die US-Amerikanerin zart, fast püppchenhaft. Dass hinter diesem Äußeren eine Menge Kraft und noch mehr Disziplin steckt, sieht man ihr beim Tanzen an – und mehr noch, wenn sie als Choreografin die Truppe zusammenhält. Wenn sie kurze, klare Ansagen macht oder kleine Korrekturen gibt, ihre Leute zur Probe ruft. Dann bekommt ihre im Gespräch so warme und gewinnende Stimme eine unerbittliche Schärfe, wird durchdringend und grell. 

Strenge ist Teil der Routine. Der kollegialen, freundlichen Grundatmosphäre tut sie keinen Abbruch. «Die Kompanie ist für mich wie eine große Familie», erzählt Kyle Lucia. Der Tänzer gehört seit 2012 dazu, er hat schon manche mehrmonatige Tour mitgemacht. Den extremen Arbeitsalltag nimmt der muskulöse 26-Jährige gemütvoll hin: «Adrienne hat ein sehr gutes Gespür für Menschen, und jenseits von Training und Proben haben wir eine Menge Freiheit.» Mit seinem voluminösen Kinnbart und seiner hohen Stirn strahlt Lucia etwas Wikingerhaftes und zugleich Unerschütterliches aus. Seine Stimme ist dunkel, sein Körper voller Kraft und Sicherheit. Und doch ist selbst für ihn die Premiere der Jubiläumsshow keine Routine: «Es ist immer wieder großartig und einzigartig.» Neben ihm auf dem Bühnenboden sitzt eine neue junge Kollegin. Alyssa McCallum hat die Beine zum Yogasitz übereinandergeschlagen. Bereits im Alter von drei Jahren begann sie mit dem Tanzunterricht. Über eine Audition kam sie vor ein paar Monaten zum Team: «Ein Traum wurde wahr.» McCallum ist gerade einmal 19 Jahre alt, «Rock the Ballet X» ist ihre erste Show. Auf junge Talente wie sie setzt Adrienne Canterna alle Hoffnung, mit ihnen will sie einen Imagewandel schaffen. Fünf Nachwuchstänzerinnen hat sie schon unter Vertrag, um das schlüpfrige «Sixx Paxx»-Image von «Rock the Ballet» langsam, aber sicher auszuhebeln.

Beflügelt von der Idee, den klassischen Tanz neu aufzubereiten und aus Ballett- und Tanzaufführungen mitreißende Events zu machen, haben Rasta Thomas und Adrienne Canterna «Rock the Ballet» vor einem Jahrzehnt ins Leben gerufen. Ausgangspunkt: coole Kerle, viel nackte Haut – Sixpack inklusive. Ballett sollte so sexy und unterhaltsam sein wie ein Pop-Konzert, attraktiv für junges Publikum. Die Jubiläumsausgabe enthält nun viele neue Elemente, einen süffigen Musik-Mix von Michael Jackson über Queen und Madonna bis Lady Gaga und vor allem: einen deutlich höheren Frauenanteil. Natürlich setzen einzelne Nummern noch auf jede Menge blank gezogene und eisern trainierte Männermuskeln, was als Bonbon für kreischende weibliche Groupies gedacht ist. Doch in ihren Choreografien ist Canterna, die selbst jahrelang die einzige weibliche Tänzerin des Unternehmens war, nun deutlich freier. Weil befreit von den strikten Vorgaben, an die sie sich jahrelang halten musste. «Ich bin wirklich stolz auf diese Show, ich habe endlich eine stärkere Stimme, habe mehr Frauen im Cast, das gefällt mir sehr. Der Fokus liegt nicht mehr so sehr auf den shirtless men», sagt die 36-Jährige lachend. Die diese neue Gewichtung im Übrigen nicht als Tribut an den Feminismus versteht, sondern einfach als künstlerischen Gewinn und Zuwachs an choreografischen Ausdrucksmöglichkeiten.

Nach der Probe sitzen die Tänzer auf der Seitenbühne an langen Tischen, ihre Hochleistungsfüße sind warm eingepackt in Daunen-Puschen oder Ugg Boots. Sie essen Obst, plaudern ein wenig oder hängen ihren Gedanken nach. Zwischen ein paar schwarz bespannten Stellwänden, die als Garderoben dienen, sitzt Heidi Carstensen-Wahlen. Die gelernte Kostümbildnerin ist als Garderobiere und Ankleiderin seit 2008 dabei und die gute Seele der Show. Im Schein einer schlichten Schreibtischlampe repariert sie aufgeplatzte Nähte, kaputte Reißverschlüsse und hilft bei den megaschnellen Kostümwechseln. Immerhin gibt es 29 Songs, entsprechend viele Choreografien und damit fast genauso viele Outfits, die durch den höheren Frauenanteil zudem deutlich aufwendiger ausgefallen sind. Trotzdem bleibt die Grundstimmung selbst im größten Stress freundlich, «fast freundschaftlich», beschreibt Carstensen-Wahlen. Woran das liegt? «Die Moral der Gruppe ist mir viel wichtiger als jedes einzelne noch so begnadete Talent», erklärt Canterna ihr Konzept. Schließlich lebe jede Aufführung vom harmonischen Zusammenspiel aller Beteiligten. Ein respektvolles Miteinander ist wichtig, das Wichtigste aber sei Dankbarkeit. «Dankbarkeit dafür, dass wir genau diesen Job machen dürfen.» 

Der so genannte Job ist hier – hoch professionell, athletisch, klassisch, mitreißend – der Tanz; freigelegte Sixpacks sind dabei fast schon dekorative Nebensache.

Katrin Ullmann

Die Show gastiert in Hannover, Theater am Aegi, 31. Januar; Berlin, Admiralspalast,1.-3. Februar; Balingen, Stadthalle, 5. Februar; Mannheim, Rosengarten Mozartsaal, 6. Februar; Bremen, Metropol Theater, 7. Februar; Essen, Colosseum Theater, 8.-9. Februar; München, Prinzregententheater, 12.-17. Februar; Hamburg, St. Pauli Theater, 19. Februar; Kiel, Sparkassen-Arena, 21. Februar; Dresden, Konzertsaal im Kulturpalast, 22. Februar; Frankfurt am Main, Alte Oper, 23. Februar; Düsseldorf, Mitsubishi Halle, 24. Februar;

www.rock-the-ballet.de