Ähnliches ist aus Ungarn zu berichten, seit bei der Parlamentswahl 2010 der Bürgerbund Fidesz siegte und Viktor Orbán zum Ministerpräsidenten wählte. 2011 stufte der Ausschuss für Nationale Sicherheit im ungarischen Parlament den Theatermacher Árpád Schilling als «potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten» ein. Und im selben Jahr veranlasste Budapests Bürgermeister István Tarlós die Neubesetzung der Leitung des Neuen Theaters Új Szinház mit István Csurka, 77 Jahre alt, Schriftsteller, Dramaturg und Urgestein der ungarischen Rechten, und dem radikal rechten Schauspieler György Dörner, obwohl eine Gutachter-Kommission sich mit sechs zu zwei Stimmen für die Bewerbung des bisherigen Leiters István Márta ausgesprochen hatte, der das Theater seit 13 Jahren geführt hatte.
Als Intendant des Budapester Nationaltheaters wurde Attila Vidnyánszky anstelle seines Vorgängers Róbert Alföldi eingesetzt, und die finanzielle Förderung verschiedener kritischer Theater in Budapest drastisch reduziert: beim Theater Kreatör auf ein Zehntel der noch im Jahr 2010 bereitgestellten Summe.
Doch es geht durchaus noch schlimmer. In der Türkei verlagert sich das Theatergeschehen, besonders seit der Ausrufung des Ausnahmezustands 2017, in die «freie» Szene. Nach dem Putsch vom 15. Juli 2017 wurden allen Theatern internationale Kooperationen verboten. Im Theater in Diyarbakır wurden alle Schauspieler entlassen, die daraufhin eine freie Theatergruppe gründeten. Auch die meisten Lehrkräfte des Theaterinstituts in Ankara verloren ihre Arbeit – sie richten nun private Workshops aus. Im Jahr 2017 entfielen rund 70% der Theaterproduktionen auf freie Gruppen. Besonders trickreich geht die Regierung Erdoğan mit der Finanzierung um. Die Besteuerung von Eintrittskarten, die bislang 10% betrug, wurde nun «flexibel» gestaltet. Je nachdem, ob der Autor des Stücks auf einer sogenannten guten Liste zu finden ist oder nicht, können die Steuern bis zu 18% betragen.
Und in Deutschland? Auch hier soll unter dem Vorwand der Stärkung einer nationalen Kultur Druck auf die Theater ausgeübt werden. Zumindest wenn es nach dem Willen der AfD geht. Im Brandenburger Landtag zieht der AfD-Abgeordnete Andreas Galau im Herbst 2018 die finanzielle Förderung des Cottbuser Piccolo-Theaters in Zweifel. Anlass war die Inszenierung «KRG. – Eine Heimatbetrachtung», die der Jugendclub des Cottbuser Piccolo-Theaters inszenierte. Gegen das Theater Paderborn/Westfälische Kammerspiele wurde ebenfalls 2018 Strafanzeige gestellt, weil im Programmheft zu Max Frischs «Andorra» die Wahlergebnisse von 1928 und 1932 mit denen von 2013 und 2017 verglichen wurden.
Im Landtag von Sachsen-Anhalt fordert der AfD-Abgeordnete Hans-Thomas Tillschneider, die finanzielle Förderung der Oper und des Neuen Theaters in Halle zu streichen und den Opernintendanten Florian Lutz zu entlassen: «Ich schlage vor, Florian Lutz wird entlassen, als Nachfolger wird ein Charakterkopf vom Format eines Attila Vidnyánszky gesucht. Dann muss die ganze Willkommenspropaganda aus dem Spielplan…».
Die Liste der Versuche einer Einflussnahme auf die Kultur oder Repression der Kultur im Namen einer «nationalistischen» Bewegung könnte um viele Beispiele fortgesetzt werden. Dass dies im Widerspruch zu Satz 3 des Artikels 5 des deutschen Grundgesetzes steht, in dem es heißt: «Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei», interessiert Demagogen längst nicht mehr. Falls es sie überhaupt je interessiert hat.
Eine ausführliche Version des Artikels mit besonderer Berücksichtigung neuer Theaterbauten und deren Wirkung auf die kulturpolitischen Verhältnisse finden Sie in BTR 01.19