Rezensionen 22. Februar
Osnabrück: Wigman, Clug, de Candia «Bauhaus / Bolero»
Am 28. Februar, 7., 12., 30. März im Theater
«Monotonie» nennt Mary Wigman die vier Abschnitte, in die sich der erste Satz ihrer Tanzsymphonie gliedert. Doch von Monotonie kann bei der «Feier» keine Rede sein. Allein schon der Gruppenauftritt gleich zu Anfang verschlägt einem den Atem. Es könnte sich um einen Fries aus Menschenleibern handeln, der sich schrittweise auf die Bühne schiebt und dem «Tempel» genannten Teil sozusagen erst den Rahmen gibt. Flächig choreografiert, lässt er einen sofort an «L’Après-midi d’un faune» von Vaslav Nijinsky denken, von dem Mary Wigman 1927/28 zumindest gehört haben könnte. Und doch gestaltet sich der «absolute Zusammenklang von Farbe, Form und Linie, von Körper- und Raumrhythmus», wie sie rückblickend über «Die Feier» selber sagt, ganz, ganz anders: zwar immer geerdet und selbst in der «Drehmonotonie» auf den Boden bezogen, aber niemals spielerisch frei und erotisch, sondern stets erhaben und einer gesetzmäßigen Formung unterworfen.
Henrietta Horn hat zusammen mit Susan Barnett den schwierigen Versuch unternommen, «Die Feier» von Mary Wigman wieder sichtbar zu machen – und das aufgrund von Fotos, Beschreibungen und den Zeichnungen, die Walter Eberhard Loch in den Proben angefertigt hat. Eine Notation wie im Fall von «Totentanz I» gibt es nicht; noch weniger Material, das eine einigermaßen authentische «Rekreation» des dritten Teils hätte rechtfertigen können. Auf die haben die beiden denn auch verzichtet. Gestützt auf ihre Erfahrungen bei der Wiedereinstudierung des «Frühlingsopfer» und «Totentanz I und II» konnten sie sich bei den beiden ersten Sätzen hingegen so in die Bewegungsweise der Mary Wigman einfühlen, dass sie nicht als pure Projektion der eigenen Fantasie erscheint. Vielmehr lassen «Der Tempel» und «Im Zeichen des Dunklen» die Eigenart und das Wegweisende der Ausdruckstänzerin immer erkennen.
Antiquiert wirkt hier nichts. Nicht die «Drehmonotonie», bei der Cristina Commisso ihren Rock so auflodern lässt, als tanzte sie auf glühenden Kohlen. Schon gar nicht der zweite Satz, wenn Neven Del Canto «im Zeichen des Dunklen» Marine Sanchez Edgasse zuletzt völlig zum Verschwinden bringt. Das mag von Wigman als Allegorie gedacht sein. Heutzutage könnte man das Kräftespiel zwischen Solo und Gruppe auch politisch deuten. Die Dance Company Theater Osnabrück jedenfalls stellt sich ganz in den Dienst von Mary Wigman und ist doch stets bei sich. Das macht den Abend am Ende zum Ereignis, und der hat unter dem Titel «Bauhaus | Bolero» ja noch einiges zu bieten: einen gewitzten «Handman» von Edward Clug als Übernahme vom Nederlands Dans Theater 2 sowie als Uraufführung einen «Bolero» von Mauro de Candia, der zwar stellenweise ausschaut wie die «Squares» von Hans van Manen, dem aber selbstverständlich die Musik von Maurice Ravel unterlegt ist – samt den Schlagzeugklängen von Martin Räpple, die dem wagemutigen Abend etwas Verbindliches geben.
Hartmut Regitz
www.theater-osnabrueck.de/spielplan/spielplandetail.html?stid=548&auid=647304